Raubtier zeigt nur wenig Scheu vor dem Menschen

Wolfsrisse bei Oetzendorf: „Wir sind alle geschockt“

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Eines der gerissenen Schafe.

Oetzendorf. Als frühmorgens um kurz nach vier die zehn Schafe auf dem Hof Marquardt in Oetzendorf stehen, die doch eigentlich auf ihrer Weide grasen sollten, da schwant ihren Besitzern schon nichts Gutes.

Der Kontrollgang auf die Weide bestätigt die Befürchtung: Ein Rudel Wölfe hat gestern Morgen eine Schafherde bei Oetzendorf angegriffen und fünf Tiere getötet. Vier Schafe standen völlig apathisch herum, die anderen zehn – alles tragende Mutterschafe – waren in ihrer Panik nach Hause gelaufen.

„Wir sind alle geschockt“, sagt Hubertus Grau, Leiter des Hegerings 14 Bevensen. Bisher seien zwar jedes Jahr Wolfssichtungen in seinem Bereich gemeldet worden, und im vergangenen Jahr habe es auch zwei gerissene Rehe bei Seedorf gegeben, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Konto von Wölfen gehen. Doch was der erfahrene Jäger da gestern Vormittag in Oetzendorf erlebt hat, ist für ihn etwas ganz Neues.

„Es ist das erste Mal, dass hier in der Region Bevensen Weidetiere gerissen werden“, berichtet Grau. Auf einer Länge von etwa 800 Metern verteilt liegen die gerissenen Schafe. Was ihn und andere Augenzeugen besonders überrascht gestern Morgen: Noch während er, Jagdpächter Rainer Lange und weitere Jäger aus Groß und Klein Hesebeck sowie Wolfsberater Klaus Bullerjahn vor Ort die Situation besprechen, kommt einer der Wölfe zurück und frisst an einem toten Schaf weiter. Bis zur Mittagszeit wird er gestern immer wieder gesichtet.

Dieser Wolf wurde bis gestern Mittag immer wieder am Ort des Geschehens gesichtet.

Jagdpächter Rainer Lange ist gerade dabei, die Fährten der Raubtiere auf einem anliegenden Acker zu sichten. „Da dreh’ ich mich um, und dann läuft da der Wolf.“ Auch Vero Heins von der Interessengemeinschaft Weidetierhalter Nordost-Niedersachsen ist vor Ort und verfolgt die Szene. „Der spazierte da herum und hat geguckt, was wir machen.“
„Dieses Dreiste“ habe auch Rainer Lange beeindruckt. „Der Wolf kennt ja keine Gefahr von uns.“ Als sich der Jagdpächter aber ins Auto setzt, um dem Wolf ein paar Meter hinterher zu fahren, macht der Räuber dann doch Tempo. „Ab in den Busch und weg war er.“

In Oetzendorf muss man die Geschehnisse von gestern Morgen erst mal sacken lassen. „Das ist eine Katastrophe“, findet Hubertus Grau. Damit keine Missverständnisse aufkämen: „Wir können den Wolf gern hier behalten, ich bin wirklich dafür“, stellt er klar. „Aber wir brauchen einen Abschussplan, das muss geregelt werden.“ Zurzeit bräuchten Spaziergänger keine Sorge haben. „Weil es noch genug Wild gibt“, sagt Grau. „Und man sieht das auch auf Jagden: Der Wolf interessiert sich nicht für den Menschen. Aber irgendwann, wenn das Wild weniger geworden ist, kann sich das ändern. Dann haben die Hunger.“

Von Ines Bräutigam

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