Von Woche zu Woche

Wolfsbegeisterung und Naturferne

18 Schafe hat der Wolf Karl-Heinz Vogelsang geraubt. Wer kann es ihm verdenken, dass er den Wolf nicht willkommen heißt? Der Bienenbütteler Landwirt ist ein Exot. Der Mann hat sein Leben lang Tiere gehalten.

Nicht Schoßhunde, sondern Nutztiere, deren Kälber und Lämmer dazu bestimmt sind, geschlachtet zu werden. Romantik ist da fehl am Platze, aber die Schafe, die er noch hält, liegen dem 66-Jährigen dennoch am Herzen.

Der Wolf elektrisiert die Menschen. Wenn Isegrimm einem Trecker folgt, sind die Leserbriefspalten der AZ voll von Stellungnahmen – für oder gegen die Rückkehr des bei uns ausgerotteten Raubtiers. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Ihnen soll an dieser Stelle keine weitere Parteinahme hinzugefügt werden.

Einige wenige Tierhalter sorgen sich um ihr Vieh, zahlreiche Befürworter weisen die Befürchtungen als übertrieben zurück, am liebsten unter Bezugnahme auf das Reich der Gebrüder Grimm. Dabei haben sie sogar das Recht auf ihrer Seite. Der Wolf ist streng geschützt. Das Gesetz ist natürlich eine Entscheidung von Menschen. Als es 1977 in Kraft trat, gab es keine Wölfe in Deutschland.

Woher die Motivation der Viehhalter kommt, ist klar. Sie sind Betroffene, verteidigen auch ihre wirtschaftlichen Interessen. So liegt die angekündigte Wolfsrichtlinie des Landes immer noch nicht vor. Das heißt, die Schafhalter bleiben bis heute auf den Kosten für bessere Elektrozäune und Herdenschutzhunde sitzen. Unklarer ist, woher die Begeisterung von Menschen für den Wolf herrührt, den die meisten noch nie in freier Wildbahn gesehen haben.

Die Erklärung: Der Wolf ist ein Symbol. Er ist nicht nur – ökologisch gesehen – der fehlende Regulator, der Wildbestände begrenzt, kranke und schwache Tiere ausmerzt. Er steht für die Sehnsucht nach einer intakten Natur, nach der Wildnis, die es objektiv bei uns in Mitteleuropa nicht mehr gibt. Die Wolfseuphorie ähnelt darin der Begeisterung für Indianer, Aborigines oder früher die Germanen als Sinnbild der edlen Wilden.

Einen Wolf in freier Wildbahn zu beobachten, ist sicherlich ein großartiges Erlebnis, das kein Besuch im Tierpark ersetzen kann. Allerdings führt seine Rückkehr natürlich nicht dazu, dass der Krieg gegen die Natur endet. Wenn man böswillig wäre, könnte man den staatlichen Einsatz für den Wolf sogar als Ablenkungsmanöver betrachten, denn natürlich werden weiterhin jedes Jahr Tausende Hektar Land versiegelt, während Nationalparks das Bild der heilen Natur zeigen, wird Holz importiert, und die Elbe ist sauber, weil wir längst in China produzieren lassen.

Die Wolfsbegeisterung – und da gibt es einen inneren Zusammenhang – ist direkt proportional zu unserer Naturferne. Nur weil wir uns so weit von den natürlichen Prozessen entfernt haben, weil niemand seine Nahrungsmittel mehr selbst erzeugt, weil der Zeitgenosse Natur vor dem Flachbildfernseher und am Computer konsumiert, wird die Rückkehr des Wolfs als beglückendes Ereignis gefeiert.

Von Gerhard Sternitzke

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