Frank Segieth feiert seit 22 Jahren Weihnachten im Böh

„Wir haben uns – und das reicht“

Machen es sich Heiligabend zu zweit gemütlich: Frank und Tanja Segieth in der Obdachlosenunterkunft im Böh. Foto: Baatani

Uelzen. Weihnachten ist vorbereitet: Tanja und Frank Segieth haben ihren Kühlschrank bereits mit den Zutaten für die nächsten Festessen aufgefüllt und machen es sich auf dem verblichenen Sofa gemütlich.

Dass die beiden überhaupt einen Kühlschrank benutzen können, ist etwas Besonderes: Sie leben in der Obdachlosenunterkunft an der Straße Im Böh und teilen sich dort eine Wohneinheit. Ein Kohleofen hat den kleinen Raum, der Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich ist, erwärmt. Tanja Segieth wendet nachdenklich einen verschlossenen Brief mit Weihnachtsgrüßen in den Händen, vor Frank Segieth steht eine Flasche Bier, von der gelegentlich nippt. Seit 22 Jahren erlebt er Weihnachten am Böh, seit fast fünf Jahren wohnt auch seine 42-jährige Frau Tanja bei ihm.

Bei den beiden gibt es Heiligabend das Traditionsgericht: Kartoffelsalat. „Mittags mit Schaschlik, abends mit Frikadellen“, plant der 55-Jährige. Der Kartoffelsalat steht schon im Kühlschrank. „Heiligabend kommen noch Pellkartoffeln, Eier, Zwiebeln, Gurke und Apfel dazu.“ Für den ersten Weihnachtstag hat er Rouladen zubereitet, die bis dahin im Gefrierschrank liegen, und für den zweiten Festtag Gulasch. Auf dem beengten Raum ist der Mann der Koch: „Das Gute ist, dass wir fließend Wasser hier drin haben“, weiß er den Luxus zu schätzen und deutet auf den Wasserhahn.

Bevor die beiden einander gefunden haben, hat Frank Segieth es weniger gemütlich gehabt. Wie die meisten Bewohner dort hat er zuvor Gemeinschaftswaschräume benutzt. Und auch Küchenzeile und Bad samt Waschmaschine für die zwei sind etwas Besonderes am Böh. Tanja und Frank Segieth zahlen eine Nutzungsgebühr und sind ganz zufrieden dort. Obwohl: „Unbedingt sterben möchte ich hier auch nicht“, sagt der Frührentner, der regelmäßig Salat und Radieschen vor seinem Fenster anpflanzt. Aber wie das Paar es schaffen soll, eine Wohnung zu finden und zu bezahlen, kann er sich nicht vorstellen, sagt er.

Seit Frank Segieth kurz vor dem Mauerfall 1989 aus der DDR geflohen ist und schließlich am Böh unterkam, hat er die Uelzener Obdachlosenunterkunft nicht verlassen. Seine Flucht war spektakulär, schildert der 55-Jährige: Als er am 31. Oktober 1989 in seiner Heimat an der polnischen Grenze aus der Kneipe kam, liefen ihm zwei Kumpel mit Taschen über den Weg. „Ich komm mit“, sagte der frisch geschiedene Rangierleiter und schloss sich den zwei Flüchtenden spontan und ohne Gepäck an.

„Um Mitternacht sind wir durch die Neiße geschwommen“, erzählt er. Und als er aus dem eisigen Wasser kam, „stand ein Pole mit einem Maschinengewehr vor mir“. Angst habe er nicht gehabt in dem Moment: „Von mir aus können Sie abdrücken, ich geh da nicht mehr rein.“ Und somit kam er zur Botschaft nach Warschau, wo schon der Kontakt zu den beiden Kumpels abbrach, wurde nach Düsseldorf ausgeflogen und Anfang November nach Uelzen gebracht. In der alten Sporthalle an der Ripdorfer Straße sei er zunächst untergekommen, und dann zum Böh.

„Getrunken habe ich vor der Flucht auch schon, aber hier wurde es immer mehr.“ Eine Zeitlang habe er täglich fünf Flaschen Korn geleert. „Ich hatte die Vorstellung, wenn ich allein in einer Wohnung lebe, dann bin ich einsam und verbringe die Zeit in der Kneipe.“ Also arbeitete er bei einem Uelzener Unternehmen, blieb im Böh und spielte Lotto. „Einmal hatte ich einen Fünfer, 8000 Mark habe ich gewonnen“, sagt er unbeeindruckt. „Das ganze Geld habe ich verbrutzelt – nur wenn’s zu spät ist, merkt man das.“

Seine Kinder hat Segieth zum letzten Mal gesehen, als sie drei und sechs Jahre alt waren. Mittlerweile gibt es schon eine kleine Schar Enkel, die er noch nicht kennengelernt hat, das stimmt ihn traurig. „Ich bin vielleicht auch zu blöd oder stolz, aber ich will meinen Kindern nicht auf der Tasche liegen.“ Und sie nach Uelzen einzuladen, traut er sich nicht, weil sie sich dann ein Hotel nehmen müssten, sagt er: „Heutzutage geht alles ums Geld.“ Sein Blick fällt immer wieder auf das Regal neben dem Fernseher, auf dem gut sichtbar Fotos von ihnen stehen. „Voriges Jahr habe ich an Weihnachten mit meiner Tochter telefoniert“, überlegt er. Vielleicht wagt er es dieses Jahr noch einmal. „Aber ich habe zuletzt angerufen“, schiebt er schnell hinterher.

Heiligabend wird dieses Jahr anders als in den vergangenen Jahren. Seine zwei Kumpels, mit denen er gerne am 24. Dezember nachmittags zusammengesessen und Karten gespielt hat, sind dieses Jahr gestorben. „50 und 52 Jahre alt waren sie“, schildert der 55-Jährige sichtlich bewegt, wie er den ersten der beiden zu spät auffand. Zweieinhalb Monate danach sei auch der zweite der Mitbewohner gestorben.

Ein Weihnachtsfest mit 26 Bewohnern am Böh hat das Paar Segieth schon vor wenigen Tagen gefeiert. Mit Anna-Josephin Köhler, Sozialarbeiterin bei der Wohnungsnotfallhilfe, mit Projektmitarbeiter Reinhard Riechert, Vertretern der Stadt und Pastor Reinhard Klingbeil sowie zwei Gemeindemitgliedern von St. Marien wurde gesungen, erzählt und auch einfach nur zugehört. Klingbeil hielt eine kleine Predigt, es wurde Akkordeon gespielt und Päckchen mit Kaffee, Orangen und Schokolade an alle Bewohner verteilt. Die Spenden für diese Päckchen hatte die Kirchengemeinde gesammelt.

Die Festtage selbst verbringen die Segieths nun lieber in Zweisamkeit: „Wir haben uns – und das reicht“, sagt Tanja Segieth strahlend. Ihr Mann schäkert sogleich zurück „Ja, mir reichts“ und zwinkert ihr zu.

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