Polnische Studentinnen zu Besuch in der Uhlenköperstadt / Erfahrungsaustausch mit Kindergärten und Schulen

Do widzenia (auf Wiedersehen), Uelzen!

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Bleibende Eindrücke: die 19 Studentinnen und Aleksandra Janocha bei ihrem Besuch im Verlagshaus C. Beckers.

Uelzen. „Wer kann denn noch mal auf den Punkt bringen, worin die unterschiedlichen Interessen der Alliierten bestanden?“ Vier junge Frauen sitzen am Rand und versuchen, dem zu folgen, was Lehrerin Sylvia Nickel mit ihren Schülern bespricht.

Die Nachkriegszeit ist Thema in der Geschichtsstunde am Lessing-Gymnasium, bei der die polnischen Studentinnen hospitieren. Aber der Schulstoff steht für Magdalena Meissner, Katarzyna Ceglarek, Marta Laube und Katarzyna Kmiecik gar nicht im Vordergrund. Sie wollen einen Eindruck von der Unterrichtsgestaltung bekommen.

Die 22-Jährigen gehören zu einer 19-köpfigen Gruppe von Frauen, die an der Universität Posen den Kombi-Studiengang Frühpädagogik mit Schwerpunkt Deutsch studieren. Der Abschluss qualifiziert sie sowohl für den Beruf als Erzieherin als auch für eine Lehrtätigkeit. „In der Beziehung sind Österreich und Deutschland die Ausnahmen“, verrät Aleksandra Janocha, Organisatorin des Besuchs, „in allen anderen europäischen Ländern ist für den Beruf der Erzieherin ein Studium notwendig.“

Für eine Woche ist die Gruppe im Rahmen eines Landeskundeseminars zu Gast in der Uhlenköperstadt. Das Lessing-Gymnasium ist dabei bei weitem nicht die einzige Station. Auch der Grundschule in Westerweyhe und verschiedenen Kindergärten statteten sie einen Besuch ab. Ute Chlechowitz vom DRK-Kindergarten in der Tivolistraße zieht nach den zwei Tagen, an denen jeweils vier Studentinnen in der Einrichtung hospitierten, ein rundum positives Fazit: „Der Austausch war toll, denn für uns ist es natürlich auch spannend zu erfahren, wie der Alltag in polnischen Kindergärten aussieht.“ So schilderten die Gäste, welche Unterschiede sie beim Vergleich festgestellt haben: „In Polen ist der Tagesablauf strenger geordnet“, beschreibt Natalia Sobkowiak ihre Eindrücke. Sie habe das Gefühl, dass sich die Uelzener Kinder sehr viel freier bewegen könnten. Das hat auch Lucyna Kiklaisz bemerkt: „Hier werden die Kinder zum Beispiel beim Spielen nicht abrupt unterbrochen, nur weil es 12 Uhr und Zeit für das Mittagessen ist.“ Allerdings kommen in Polen auch wesentlich mehr Kinder auf eine Erzieherin, gibt Joanna Zimmer zu bedenken: „In staatlichen Einrichtungen sind das bis zu 26. Das wäre ohne einen strikten Zeitplan nicht zu schaffen.“ Dafür wird in den polnischen Kitas mehr gesungen und getanzt, fügt Agnieszka Urban hinzu.

Berührungsängste zwischen den kleinen Uelzenern und den Studentinnen gab es überhaupt nicht, freut sich Ute Chlechowitz: „Wir haben den Kindern erzählt, dass wir Besuch bekommen, und als die jungen Frauen da waren, haben einige sie gleich bei der Hand genommen und ihnen den Kindergarten gezeigt.“

Auch bei den Uelzener Schülern haben die angehenden Pädagoginnen ein anderes Verhalten bemerkt, als sie es aus ihrer Heimat kennen. Darüber tauschten sie sich nach ihrem zweistündigen Unterrichtsbesuch mit der Schulleitung des Lessing-Gymnasiums aus. Es herrsche eine größere Selbstständigkeit im Vergleich zu polnischen Schülern: Es gäbe weniger Hemmungen, sich mündlich zu beteiligen und das belebe die Schulstunden. Gleichzeitig sei es in polnischen Klassenzimmern zum Teil etwas ruhiger und die Formulierungen weniger salopp.

Das interaktive „Whiteboard“, eine Art Multimedia-Tafel, die im Geschichtsunterricht von Sylvia Nickel zum Einsatz kam, werde in Polen zum Teil sogar schon in Kindergärten eingesetzt, wussten die Hospitantinnen zu berichten. Die computergestützte Technik ermöglicht zum Beispiel handschriftliche Notizen auf der Projektionsfläche, in der im nu auch Kartenmaterial oder Präsentationen angezeigt werden können. „Bei den Kleinkindern werden dann zum Beispiel Märchen vorgelesen und passende Bilder und Filme an die Wand geworfen“, beschreibt Lucyna Kiklaisz die Verwendung in Kitas. Aber auch zum Malen oder für die ersten Gehversuche in Mathematik und im Umgang mit Musik-Noten biete diese Technik Möglichkeiten.

Aber auch Programmpunkte jenseits der künftigen Berufsfelder erwartete die polnische Delegation. So besichtigten sie die Uhlenköperstadt, wurden von Bürgermeister Otto Lukat empfangen und verbrachten einen ganzen Tag in Lüneburg. Auch ein Besuch bei der Allgemeinen Zeitung stand auf dem Programm. „Sie waren von der Technik ziemlich beeindruckt“, verriet Aleksandra Janocha im Nachhinein, „besonders in dem TV-Studio.“ Die Studienrätin ist sich aber nicht ganz sicher, ob das Interesse wirklich allein technischer Natur war: „Dass sich der nette Online-Redakteur die Zeit genommen hat, alles genau und verständlich zu erklären, hat vielleicht auch eine Rolle gespielt“, lacht sie.

Für die Organisatorin ist es bereits das fünfte Landeskundeseminar, das sie mit polnischen Studenten in Uelzen durchführt. Bevor das niedersächsische Kultusministerium sie als Landesprogrammlehrkraft an die Universität Posen entsandte, unterrichtete Janocha selbst am Lessing-Gymnasium. In den vergangenen vier Jahren waren es hauptsächlich ihre Germanistik-Studenten, die an der Fahrt nach Uelzen teilnahmen. Nun lag der Schwerpunkt erstmals auf der Frühpädagogik. Da die angehenden Akademiker in die Planungen mit einbezogen werden, fließen deren Wünsche in das Programm mit ein. „Der Besuch im Kindergarten war zum Beispiel ein ausdrücklicher Wunsch der Teilnehmerinnen“, erklärt die Deutsch-Dozentin. So sehr sie es auch begrüßt, dass die Ausbildung an der Universität theoretisch sehr fundiert ist, kommen ihrer Meinung nach die praktischen Elemente ein bisschen zu kurz. Die Studentinnen scheinen das genauso zu sehen: Sie haben sich bereits nach der Möglichkeit erkundigt, in den Kindergärten längere Praktika zu absolvieren.

Von Karsten Tenbrink

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