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"Wer Visionen hat ..." – Kommentar zur Ilmenau-See

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Beim Bau des Ilmenausees würde die Fritz-Röver-Straße in die Flucht der Schuhstraße (im Hintergrund) versetzt. Im Abschnitt des Sees entstünde ein „Shared-Space“-Bereich. Die geplante Verkehrssituation warf am Dienstag Fragen auf.

Gelegentlich braucht’s eine Politiker-Weisheit zum Auftakt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Worte von Altkanzler Helmut Schmidt, die es in sich haben. Sie fordern einen auf, nüchtern die Dinge zu betrachten, der Realität ins Auge zu blicken, provozieren zugleich die Gegenrede: Wo wären wir heute, wenn Menschen nicht ihre Visionen verfolgt hätten?

Norman Reuter

Uelzen führt zurzeit auch diese Debatte. Sie dreht sich um einen möglichen See am Herzogenplatz, zu dem die Ideengeber erklären, er werde die Stadt attraktiver erscheinen lassen – für Touristen, Einheimische und mögliche Neubürger. Uelzen werde profitieren, sagen sie. Sie, das sind die Mitglieder des Vereins „Ilmenaustadt Uelzen“. Vor fünf Jahren wurde er gegründet, verfolgt seitdem seine Vision: den Ilmenausee im Herzen der Stadt.

Jetzt liegen Gutachten und eine Kostenermittlung vor, die Politik berät – damit hat die Diskussion um das Projekt richtig an Fahrt aufgenommen. In Internetforen, in Leserbriefen, in Uelzens Marktstraßen sind dabei auch jene zu hören, aus deren Mündern auch Schmidts Visionen-Zitat stammen könnte; die anmahnen, dass die Stadt doch bitte zunächst einmal die offenkundigen Baustellen anpacken möge – das fehlende Angebot an Geschäften, ein vernachlässigter O-See, der Müll in den Straßen... Lieber hier Geld reinstecken als Millionenbeträge in eine fixe Idee, meinen sie.

Aufgerufen, eine Entscheidung in der Sache zu treffen, sind zurzeit aber weder die Einwohner noch die Mitglieder des Ilmenaustadt-Vereins, sondern die Ratsherren und -frauen, die sich zum Start der politischen Beratungen eher zurückhalten mit Aussagen, ob sie sich einen See vorstellen können oder nicht. Sie wissen, für den Bau des Sees werden Mittel aus dem Haushalt benötigt, aus dem weit mehr finanziert werden muss als nur ein Gewässer. Und spätestens seitdem Nordzucker seine Geschäftsprognosen vorgestellt hat, stellt sich die Frage, wie viel Euros in der Stadtkasse zur Verfügung stehen werden. Kann man eine solche Ausgabe dann noch verantworten?

Diese Gemengelage allein ist es aber nicht, die den Politikern Bauchschmerzen bereiten dürfte. Egal, wie sie sich entscheiden, sie werden entweder engagierten Bürgern wehtun oder müssen sich bei Zustimmung von Gegnern harsche Kritik anhören. Ratsmitglieder sollen bereits Sätze zu hören bekommen haben wie diesen: Wenn du für den See bist, kann ich dich nicht mehr wählen.

Nun möge es für die Politiker ein goldener Weg sein, die Entscheidung weiterzugeben an die Bürger. Zu vernehmen ist, dass eine Bürgerbefragung in Erwägung gezogen wird. Das wäre die schlechteste aller Lösungen. In Kampagnen von Befürwortern wie Gegnern käme es zwangsläufig zu Vereinfachungen und Zuspitzungen. Womöglich läuft man an Plakaten vorbei, auf denen Formeln stehen wie: Kindergartenplätze oder ein See? Solche Argumentationsführungen klangen bereits an. Uelzener würden sich über Wochen, wenn nicht sogar Monate in solchen Kampagnen aufreiben und das eigene Ziel ginge dabei aus dem Auge verloren. Dem Projekt und seinen Zielen würde damit ein Bärendienst erwiesen. In Uelzen soll es vorangehen, die Stadt soll mehr Lebensqualität besitzen und nicht durch Verwerfungen bestechen – das ist doch die Botschaft, oder?

Also braucht es Bürger, die sicherlich genau hinschauen sollten, aber sachlich argumentieren – und Politiker mit klarer Kante und Mut zu Aussagen und Entscheidungen, wie der zitierte Schmidt einer war.

Von Norman Reuter

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