Ein Kommentar von Thomas Mitzlaff zur Oberarzt-Debatte am Uelzener Klinikum

"Wer Abtreibungen ablehnt, kann selbstverständlich auch ein guter Oberarzt sein"

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Seit wenigen Tagen beschäftigt das Uelzener Helios Klinikum einen Mediziner, der mit seiner Haltung zu Abtreibungen für Schlagzeilen sorgte.

Es gibt Vergleiche, die sind so ungeheuerlich, dass sie einem die Sprache verschlagen. Da stellt der Papst in dieser Woche die Abtreibung mit einem Auftragsmord gleich.

Ihn interessiert nicht das persönliche Umfeld der betroffenen Frauen, ihn interessiert nicht der Gesundheitszustand des Ungeborenen – was heute mit weißen Handschuhen geschehe, lasse sich mit der Euthanasie der Nazis vergleichen.

Man muss es sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Dieselbe Kirche, die sich erst kürzlich für den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch Tausender Kinder und das damit verbundene, oft lebenslange Leid eher halbherzig entschuldigt hat, spielt sich jetzt zum Moralapostel über schwangere Frauen und Ärzte auf, über die sie nichts weiß. Die einfache Botschaft: Alle Beteiligten an einer Abtreibung sind Verbrecher. Punkt.

Wenn von der Kirchenspitze aus dermaßen polarisiert und gezündelt wird, wundert es nicht, dass auch eine Personalie am Uelzener Klinikum in diesen Tagen unter den Lesern dieser Zeitung in sozialen Netzwerken emotional diskutiert wird. Helios hat einen Gynäkologen als Oberarzt eingestellt, der Abtreibungen aus religiösen Gründen grundsätzlich ablehnt. Ihn interessiert aber im Gegensatz zum Oberhaupt der katholischen Kirche sehr wohl, ob die betroffenen Frauen vergewaltigt wurden oder ihre Gesundheit gefährdet ist.

Doch grundsätzlich will er keine Abtreibungen vornehmen. Diese Vorgehensweise hat ihn den Chefarztposten im Dannenberger Krankenhaus gekostet. Nun also ist er im Uelzener Klinikum tätig, wird aber aus der Abtreibungs-Thematik herausgehalten.

Die Reaktionen kamen prompt. Wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch bräuchte, hätte sie keine Lust, im Klinikum auf einen Arzt zu treffen, der sie für ihre Entscheidung verurteilt, ließ etwa die Vorsitzende der Jusos Uelzen/Lüchow-Dannenberg verlauten. Doch wer sich so äußert, verkennt die Realitäten – und er hätte vor einer offiziellen Stellungnahme am besten vorher nochmal nachgedacht. Denn wo immer man sich im Umfeld des Arztes umhört, bekommt man Ähnliches zu hören: Der Betroffene ist ein ausgezeichneter Mediziner, nicht nur fachlich, sondern auch menschlich.

Wenn jemand aus religiösen Gründen Abtreibungen ablehnt, dann ist das sein gutes Recht – und wenn dadurch der Versorgungsauftrag des Krankenhauses nicht beeinträchtigt wird, man also auch mit dem Anliegen einer Abtreibung kommen kann, über das dann im Zweifelsfall der vorgesetzte Chefarzt entscheidet – warum soll das Klinikum diesen Arzt dann nicht einstellen? Als Politiker gewissermaßen ein Berufsverbot zu fordern, ist anmaßend und kurzsichtig.

Abgesehen davon: Gute Mediziner zu bekommen, ist auf dem Lande längst ein großes Problem. Das hat zur Folge, dass auch viele ausländische Fachkräfte eingestellt werden. Und welche religiöse Ansichten diese vertreten, hat auch niemand gefragt – warum auch, es ist ihre Privatsache und ihr Grundrecht.

Wer Abtreibungen ablehnt, kann selbstverständlich auch ein guter Oberarzt sein. Und ob man als Arzt alle Eingriffe durchführen muss, sollte in erster Linie der Dienstherr entscheiden. Das Krankenhaus Uelzen hat abgewogen und den Arzt aufgrund seiner fachlichen Qualifikation eingestellt. Die Leitung hat nicht von oben herab in Gut und Böse eingeteilt. Das hat sie der Kirche voraus.

Von Thomas Mitzlaff

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