Opfer und Angeklagte am Amtsgericht sind sich nicht einmal einig, ob sie eine Beziehung hatten oder nicht

Wenn die Wahrheit in der Mitte liegt...

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Der Mitangeklagte ging lieber arbeiten, anstatt zur Verhandlung zu erscheinen. Als ihm der Richter anbietet, dass ihn auch die Polizei abholen könnte, entscheidet er sich doch zu kommen.

sh Uelzen. Der Angeklagte erscheint erst nach persönlicher Einladung: R. muss sich zusammen mit seiner guten Freundin G. wegen räuberischen Diebstahls verantworten, doch dem 36-Jährigen ist es wichtiger, arbeiten zu gehen.

Dafür hat das Amtsgericht jedoch wenig Verständnis. Kurzerhand ruft Richter Rainer Thomsen den Beschuldigten an. Er erreicht R. auf dem Handy und erklärt ihm den Ernst der Lage. Anstelle den persönlichen Abhol-Service der Polizei zu nutzen, entscheidet sich R. schließlich doch, freiwillig zu erscheinen.

Mit Verspätung beginnt der Prozess. R. und G. sollen einen Bekannten in seiner eigenen Wohnung attackiert und gezwungen haben, ihnen sein Handy auszuhändigen. Wobei – wie eng die Beziehung zwischen G. und dem vermeintlichen Opfer tatsächlich war, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während er behauptet, die beiden hätten eine Liebesbeziehung gehabt, sagt sie: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Der 29-Jährige sei lediglich ein Freund gewesen. An besagtem Tag sei er zu ihr gekommen, um einen geliehenen Grill zurückzufordern. „Ich weiß gar nicht, warum er überhaupt geklingelt hat“, erzählt die 29-Jährige. „Der Grill stand vor der Tür.“ Schließlich habe ihr der ehemalige Freund mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihr Handy kaputtgemacht. Auch hier gehen die Meinungen auseinander: Der vermeintlich Geschädigte behauptet, es sei um Schulden gegangen, die G. noch bei ihm gehabt hätte. Geschlagen habe er sie nicht, sondern sie im Handgemenge lediglich „gestreift“.

In einer Sache ist man sich dann doch einig: G. folgte nach der Auseinandersetzung dem jungen Mann in seine Wohnung, im Schlepptau hatte sie Kumpel R., der auf ihn einschlug. „Dann hab’ ich ihm Eine gegeben, weil er mir auch Eine gegeben hat“, gibt R. zu. Er und G. haben die Wohnung erst wieder verlassen, nachdem der Bekannte ihnen sein Handy gegeben hatte. „Das war als Ersatz gedacht, weil er mein Handy ja kaputtgemacht hat“, erklärt G..

Und genau das ist der Knackpunkt, an dem die Anklage scheitert. Denn den Tatbestand für räuberische Erpressung sieht Richter Thomsen nicht erfüllt. „Letztlich scheitert es am Vorsatz“, erklärt er. Denn G. habe sich nicht mit dem Handy des Bekannten bereichern wollen. „Sie waren der Meinung, dass Ihnen das zusteht.“ Darum entscheidet das Gericht auf Freispruch. „Natürlich war es aber nicht richtig, loszulaufen und das Handy als Pfand einzuholen“, stellt der Staatsanwalt klar, der aber ebenfalls auf Freispruch plädiert hat.

Auch R. wird freigesprochen. „Vieles wissen wir nicht“, erklärt Richter Thomsen. „Aber ich gebe Ihnen den Ratschlag, so was nicht noch mal zu machen. Das kann auch schief gehen.“

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