Ein Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt Uelzen: Leben hinter Gittern

Wenn der Horizont eine Mauer ist

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Ein kleines – und sehr aufgeräumtes – Dorf innerhalb der Stadt Uelzen ist die JVA.

Uelzen. Ein Tisch, ein Fernseher, ein Schrank und das Bett direkt am Fenster, das zum Hof hinaus geht. Ein Fenster mit eingeschränkter Sicht – durch runde Metallstäbe hindurch. „Nächstes Jahr komme ich raus“, erzählt der junge Mann und ein Lächeln huscht ihm über das Gesicht.

Keines dieser Lächeln, das einem guten Scherz folgt. Eines dieser Lächeln von Menschen, die wissen, dass sie Mist gebaut haben – schuldbewusst und voller Sehnsucht. Martin S. (Name von der Redaktion geändert) sitzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen. Seine Zelle hat achteinhalb Quadratmeter, er bewohnt sie allein. Auch eine eigene Nasszelle mit Toilette und Dusche hat jeder Häftling. Was seine Unterbringung von dem Quartier eines bescheidenen Reisenden unterscheidet, sind nicht nur die Gitterstäbe, sondern was er sieht: Zwischen den Stäben hindurch geht der Blick auf das JVA-Gelände, der Horizont ist eine hohe Mauer, die die geschlossene Einheit der Anstalt von dem Rest der Uhlenköperstadt abgrenzt. Ein Fenster in der schweren Metalltür ermöglicht dem Wachpersonal Einblicke in die Ereignisse in der Zelle – nur die Männer in Uniform haben einen Schlüssel für die Sperrvorrichtungen. Und für Martin S. öffnet das offene Türfenster nur den Blick in das Gesicht des Wachpersonals – wenn das Fenster denn mal geöffnet werden sollte. Karg wirken die Zellen, deren Türen nebeneinander gereiht auf einen breiten Flur abgehen. Einige sind geschlossen, andere lassen angelehnt erahnen, was sich hinter ihnen in der Zelle tut. Ein Fernseher flimmert, eine Tasse wird abgestellt. Tritt Martin S. aus seiner Zellentür, steht er auf einem breiten Gang, gegenüber und zu beiden Seiten die nächsten Zellen. Grundsätzlich ist es ruhig in dem Bereich der „Wohngemeinschaft“, wie sie JVA-Pressesprecherin Gabriele Bröcher nennt. Dort sind die Gefangenen untergebracht, die sich beispielsweise in der Pflege des JVA-Geländes nützlich machen, dort ihren Arbeitseinsatz ableisten. Die Männer, die die Grünanlagen in Stand halten, Wege bearbeiten, in der Küche helfen – Kooperative. Sie leben in Haus 2 – einem von insgesamt sechs Wohneinheiten. Besucher kommen in diese Bereiche normalerweise nicht. Wachmänner sind die „Gäste“, die die Männer regelmäßig auf ihrem Gang sehen. Man siezt sich. Auch wenn man sich jahrelang kennt. In der JVA leben die Männer unter Männern. Maximal 270 Häftlinge über 21 Jahren sind in der Hauptanstalt, bis zu 20 in der Freigangsabteilung.

Auf dem Weg zu der Wohneinheit im ersten Stock von Haus 2 geht es vom Hof der JVA durch einen langen Gang. Er führt weit durch das Hauptgebäude zu den unterschiedlichen Unterbringungsmöglichkeiten. Das Klacken von Absatzschuhen hallt durch den Gang – die Angestellten tragen Gummisohlen. Aufhellend für das Gemüt: Kunst am Bau. Bunte Ornamente bringen Leben in die karge Weite des Ganges, der sich durch den Bau zieht. Fast vergisst man kurz, dass es kein Schulkorridor ist, durch den man geht...

Ein inneres Pendel schlägt immer wieder in Richtung Unwohlsein aus, angesichts der Vergehen, die die Männer hinter diese Mauern gebracht haben müssen; pendelt dann wieder in Richtung Mitgefühl für die Insassen, bevor wieder die Richtung wechselt, weil das Bewusstsein dafür wächst, dass isoliert vom eigentlichen gesellschaftlichen Leben, den Männern in dem „kleinen Dorf innerhalb der Stadt Uelzen“ doch viel ermöglicht wird. „Das ist der Spagat, den wir hier schaffen müssen. Zum einen soll das Leben hier nach dem Angleichungsgrundsatz möglichst dicht an der Realität draußen sein. Aber zu schön eben auch nicht“, sagt Bröcher.

Und darum heißt es für die Männer in der Anstalt auch nicht faulenzen, sondern schaffen nach Vollzugsplan. Der wird für jeden Häftling individuell erstellt – nach seinen Fähigkeiten, Vorkenntnissen, Charaktereigenschaften, aber auch Vergehen. 85 Prozent der Insassen sind beschäftigt, sei es in schulischen Fortbildungen oder an Arbeitsplätzen. Acht Stunden müssen sie täglich ran: Im Unterricht den Haupt- oder Realschulabschluss nachmachen, sich in anderen Einzelmaßnahmen weiter qualifizieren. Durch Fernlehrgänge kann auch das Abitur oder ein Studium angestrebt werden. Auch praktisch ist einiges möglich: Eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer zum Beispiel. Zudem können die Männer gemäß ihres Vollzugsplans, der auch Betreuungs- oder Beratungsstunden beim Psychologen oder Sozialarbeiter sowie Sprachkurse enthalten kann, in den Werkstätten auf dem Gelände arbeiten.

Bis zu zehn Häftlinge arbeiten zeitgleich in der Schlosserei. Zehn Männer, die nach ihrem Dienst in der Werkstatt wieder durchsucht werden müssen – erst vom Wachpersonal, dann in der Sicherheitsschleuse, in der wie am Flughafen alles Metallene hörbar wird. Bröcher: „Da müssen wir natürlich vorsichtig sein, dass sie nichts in die Zellen schmuggeln.“

Maurer ist der Mann aus der Funktionswohngruppe, der für den Besuch der Presse seine Zelle öffnete. Über seine Schuld will er nicht sprechen. Nur über eines, wie schon gesagt: Nächstes Jahr verlässt er die JVA und kehrt in die Heimat zurück. Dann möchte er wieder in seinem Beruf einsteigen. In Uelzen konnte er den zwar nicht ausüben, aber so was verlerne man nicht. Außerdem habe er seine Familie und Freunde, die ihn unterstützen würden.

Wer nach dem Knast nicht auf sein Umfeld setzen kann, dem hilft die Anstalt. Wiedereingliederungsmaßnahmen sollen den Einstieg erleichtern. Bis zu ihrer Entlassung haben die Häftlinge – abhängig von ihrem Betragen – bis zu 21 Tage Freigang oder Urlaub. Was ihnen auf jeden Fall zusteht: Einmal am Tag haben die Männer eine Stunde lang Anrecht an der frischen Luft zu sein. Jeden Tag zur gleichen Zeit, immer direkt nach der Arbeit geht es für 60 Minuten in den Freilufthof. Unter Bewachung können die Häftlinge durchatmen – im Sommer auch mal ein paar Minuten länger, als die gesetzlich vorgeschriebenen 60 Minuten.

Von Wiebke Brütt

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