Aus dem Leben eines Büchernarren

„Weingeister“-Lesung mit Ingo Schulze – diesmal ausnahmsweise in Melzingen

Ingo Schulze las bei den „Weingeistern“ aus seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ – diesmal nicht in der Ratsweinhandlung, sondern im Arboretum Melzingen.
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Ingo Schulze las bei den „Weingeistern“ aus seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ – diesmal nicht in der Ratsweinhandlung, sondern im Arboretum Melzingen.

Uelzen/Melzingen – Ein ungewöhnlicher Leseabend sei es, sagt Ute Lange-Brachmann in ihrer Begrüßung am Freitagabend.

Bisher hätten die Uelzener „Weingeister“-Lesungen – seit einigen Jahren von der Werner-Bergengruen-Gesellschaft veranstaltet – im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung stattgefunden. Doch Corona habe es notwendig gemacht, einen Ort zu finden, an dem die Zuhörer mit dem erforderlichen Abstand der Lesung folgen können.

Philine Haase vom Vorstand der Christa-von-Winning-Stiftung, dem Trägerverein des Arboretums Melzingen, bot deren Kulturscheune an. Und so sitzt Ingo Schulze hier vor seinem trotz der längeren Anfahrt recht zahlreich erschienenem Publikum, um aus seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ zu lesen.

Die Hauptperson in dem Buch ist der Dresdner Antiquar Norbert Paulini. Liebevoll, detailreich, mit großer Ortskenntnis beschreibt der 1962 im „Elbflorenz“ geborene Schulze in ausgeklügelten Worten das Umfeld, die Lebensumstände, den Wandel eines Mannes, für den Bücher alles waren, zu einem sich politisch rechts orientierenden Menschen. Dieser erste Teil des Romans – in der Ich-Form geschrieben – nimmt etwa zwei Drittel des 320 Seiten umfassenden Textes ein.

Schulze liest sorgsam ausgewählte Passagen, um seinen Protagonisten in all seinen Facetten darzustellen. Das Publikum hört, dass Paulini nach seiner Geburt im Juni 1953 „auf Büchern“ in der Buchhandlung seiner Mutter Dorothee schlief, dass die Mutter nur wenige Tage nach der Geburt an einer Sepsis verstarb und der Vater den Jungen allein aufzog. Ingo Schulze spannt den Bogen hin zu dem Antiquariat des Paulini im Dresdner Stadtteil Blasewitz.

1989 kam es auch im Leben dieses Büchernarren zu einer Wende – antiquarische Bücher sind nicht mehr gefragt. Scheidung und finanzielle Engpässe zwangen Paulini zum Umzug „aufs Land“, in die Sächsische Schweiz, wo er zunehmend eine nationale, vielleicht gar nationalistische Gesinnung annimmt.

Im zweiten, erheblich kürzeren Teil löst Schulze des Rätsel, wer im ersten Teil „ich“ war. Er gibt dem „im Westen“ erfolgreichen Schriftsteller Schultze – mit tz – Raum, darüber zu berichten, wie er Kontakt zu Paulini fand, seine Nähe suchte, den Kontakt zu ihm verliert, dabei aber die Liebe zu Paulinis Lebensgefährtin Elisabeth (Lisa) findet.

Dass der erste Teil des Romans ein Fragment des Schriftstellers Schultze – mit tz – ist, erfahren die Leser – und auch die Zuhörer bei der Lesung am Freitag – im dritten Teil. Aus der Sicht der nun als Ich-Erzählerin fungierenden westdeutschen Lektorin des Schultze werden die Zusammenhänge aufgedröselt. Offen bleibt, was vor dem Auffinden der Leichen Paulinis und Lisas am Fuße des Felsen „Goldene Aussicht“ passierte – war es ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Sind wir nicht alle irgendwie Mörder?

Ingo Schulze lässt seinen Schultze an einer Stelle sagen „Welche Wahrheit in mein Buch kommt, bestimme ich.“ Hat Ingo Schulze auch so gedacht? VON FOLKERT FRELS

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