„Die Theatermacher“ aus Hamburg mit Zuckmayers Erfolgsstück in Uelzen

Der Weinberg lacht und juchzt…

Ein Stammtisch, an dem auch die Vorurteile gepflegt werden. In der Mitte José Barros als Gunderloch.

Uelzen. „Die Leute essen, trinken, lungern rum und reden Unsinn – genau das muss man auf der Bühne zeigen. “ Sagte Anton Tschechow. Diesen Satz muss Carl Zuckmayer verinnerlicht haben, als er „Der fröhliche Weinberg“ zu Papier brachte.

Es war die Zeit „aus Amüsement und Lebenslust“, wie es der Dichter später in seiner Autobiografie „Als wär‘s ein Stück von mir“ sagen wird. Die Zeit, in der er seine zweite Frau kennenlernt in Abendgesellschaften, in denen „oben ohne“ bei den Damen schon mal dazu gehört. Ausgerechnet für dieses Stück derben Witzes, der Karikatur; für diese Posse, die Dutzende Theaterskandale auslöste, bekommt Zuckmayer im Jahr 1925 den Kleist-Preis.

Am Freitag waren „Die Theatermacher“ aus Hamburg mit dieser „ganz unglaublichen Schweinerei“, die „die deutschen Sitten, die deutsche Frau… das deutsche Beamtentum auf gemeinste Weise verhöhnt“ - wie es die Braune Fraktion im Münchner Landtag nannte und nach Verbot und Zensur brüllte - zu Gast im Theater an der Ilmenau. Zur Erinnerung: Diese Schauspieler hinterließen vor zwei Jahren einen unvergesslichen Eindruck mit Schillers räuberischem Jugendgeniestreich.

Den Zuckmayer nahm Regisseur Michael Jurgons als ausgelassenen Theaterkindergarten und intellektuelle Skurrilitäten-Spielweise. Er installiert einen exzentrischen Kosmos an Figuren, leidenschaftlich leidend, gallig ironisch, sentimental triefend. Nicht einmal die hochpromillige Kneipenprügelei verrät er an billige Effekte. Sein Ensemble ist physisch absolut auf der Höhe und der Schweiß der Anstrengung ist noch vor der Pause bis in die erste Reihe zu riechen. Artikulatorisch kann man selbiges leider nicht behaupten. Das ist schade, denn so verliert die flotte Bühnenschau, die ohne den üblichen Eventfirlefanz auskommt und sogar leise Momente hat, an Wirkung. Alles an dieser Aufführung ist Übermaß, nur die Sprechkultur nicht.

José Barros ist der sympathische Weinbergbesitzer Gunderloch, bei dem der Diffamierungsgroll aus des Dichters Heimatdorf sich nicht nachvollziehen lässt. Dass sich die Burschenschaften durch Knuzius (Fabian Cordua: stramm, schön, gefühllos) verhohnepipelt fühlten, versteht man dagegen sofort. Ann-Christin Ahle (süßes, liebesverrücktes Klärchen), Patrick Abozen (eifersüchtiger Jochen) und Ina Blus (redliche Annemarie) geben ihren Figuren Profil. Lust wider alle Biederkeit und ein auch verbal gefährlich eskalierender Stammtisch katapultieren manchmal direkt ins Heute. Gesten, Zwischenrufe blitzen auf und machen Angst – zeitlose. Ohne Zweifel war die Aufführung eine kreuzfidele Ensembleleistung, die sich nicht in unfreiwilliger Albernheit verfranst. Laut-fröhliche Musikeinlagen tun übriges und die beißende Satire des Autors kann man mit gutem Willen auch hören. Am Ende noch mal Tschechow: „Eine Krise kann jeder Idiot haben, was aber zu schaffen macht, ist der Alltag.“ Wie zu beweisen war: Solch ein Weinberg-Alltag allemal.

Von Barbara Kaiser

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