Holocaust-Überlebender erzählte Theoder-Heuss-Realschülern aus seinem Leben

„Was ist ein Vater?“

Bei seinem Besuch in der Theodor-Heuss-Schule beantwortete Aharon Behar (rechts) die Fragen der Neunt- und Zehntklässler. Behar wurde 1942 in Dänemark geboren und überlebte die Deportierung durch die Nationalsozialisten nur durch einen Zufall. Foto: Köhler-Götze

Uelzen. Aharon Behar ist ziemlich aufgeregt, als er vor die Schüler der 9. und 10. Klassen der Theodor-Heuss-Realschule tritt. „Ich würde jetzt viel lieber mit euch Fußball spielen“, scherzt der ältere Herr, der 1942 in Dänemark geboren ist.

Gerade hat er einen Rundgang durch die Schule hinter sich, die in den 30er Jahren sein Onkel Gerd Jordan besucht hat. In Uelzen ist Behar, weil hier die ersten sieben Stolpersteine vor Häusern verlegt worden sind, in denen jüdische Mitbürger ihren letzten frei gewählten Wohnsitz hatten, bevor sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden (AZ berichtete). Einer der Stolpersteine ist Gerd Jordan gewidmet, der im Konzentrationslager Auschwitz starb.

Behar, der in Israel lebt, kennt Uelzen vor allem aus den Erzählungen seiner Mutter Anneliese, geborene Jordan, die regelmäßig jüdische Feste bei der Familie in Uelzen verbrachte.

Behars Lebensgeschichte lässt die Schüler staunen und frösteln. 1942 wurde er in Dänemark geboren, weil seine Eltern noch rechtzeitig aus Deutschland emigrieren konnten und sich im nördlichen Nachbarland auf die Ausreise nach Palästina vorbereiteten. Im Oktober 1943 sollten die Juden aus Dänemark in Konzentrationslager deportiert werden. Weil aber die Aktion verraten wurde, konnten damals mehr als 7000 dänische und viele deutsche Juden, die nach Dänemark geflohen waren, in einer Nacht- und Nebelaktion von Fischern übers Meer nach Dänemark gebracht werden. 730 Juden konnten die Nazis finden und ins KZ Theresienstadt deportieren.

Unter ihnen war Behars Vater, der mit vielen anderen Juden in einem Hotel auf den Transport nach Schweden wartete. Behar selber und seine Mutter blieben nur deswegen verschont, weil sie nicht in der Hotelhalle waren, sondern im ersten Stock in ihrem Zimmer, das die Gestapo nicht durchsuchte. Beide überlebten in Schweden. „Meine Muttersprache war Schwedisch“, erklärt Aharon Behar auf Iwrit, der modernen Form des Hebräischen, den Schülern. „Das heißt, ich konnte nicht mit meiner Mutter sprechen, denn die sprach nur Deutsch und Dänisch.“

Auch sein Vater überlebte das KZ, weil in den letzten Kriegsmonaten Graf Folke Bernadotte vom schwedischen Roten Kreuz in Verhandlungen mit Heinrich Himmler persönlich die Entlassung von 8000 skandinavischen Häftlingen aus den KZs erreichte, darunter Aharons Vater Itzak Behar. „Was ist ein Vater?“, fragte damals der kleine Aharon. Er wusste es nicht. Und er kannte lange nicht die Bedeutung des Wortes Großeltern: „Wir wussten nicht, dass wir Großeltern hätten haben sollen.“

Mit welchen Gefühlen er heute nach Deutschland kommt, wollen die Schüler von ihm wissen. „Wir haben nicht vergessen, was hier geschehen ist, aber wir können mit den Menschen hier als Menschen umgehen“, sagt er, der sich sogar vorstellen kann, hier zu leben, „aber nur von Mai bis September.“ Und es erstaunt ihn, wie viele Menschen hier sich mit der Geschichte seiner Familie beschäftigt haben.

Zum Schluss überreicht Schulleiterin Imke Pape noch ein besonderes Erinnerungsstück. Gerd Jordan war 1938 gezwungen worden, die Schule zu verlassen, weil er Jude war. Und auch hier war die deutsche Bürokratie gründlich. Jordan wurde nicht einfach aus der Schule geworfen, er bekam ein Abgangszeugnis. Von dem wurde eine Kopie ausgefertigt, die bis vor wenigen Wochen im Archiv der Schule schlummerte. Es war Zufall, dass die Kopie entdeckt wurde, als Uralt-Akten durch den Reißwolf geschickt wurden.

Von Jürgen Köhler-Götze

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