Eine Angehörige aus Uelzen berichtet

Diagnose Demenz: Wenn der Partner still wird

Ein unbeschwerter Moment, als der Auslöser gedrückt wird: Dörte Hennings und ihr Mann Carsten auf einem Kalenderbild. Es erzählt nicht alles. Sie muss sich um ihn kümmern. Denn er leidet an einer speziellen Form der Demenz.
+
Ein unbeschwerter Moment, als der Auslöser gedrückt wird: Dörte Hennings und ihr Mann Carsten auf einem Kalenderbild. Es erzählt nicht alles. Sie muss sich um ihn kümmern. Denn er leidet an einer speziellen Form der Demenz.
  • Norman Reuter
    VonNorman Reuter
    schließen

Dörte Hennings geht offen mit der Krankheit ihres Mannes um. Er ist 63 Jahre alt und leidet an einer speziellen Form der Demenz. Anderen, denen es wie ihr ergeht, rät sie, sich Hilfe zu suchen, sollte das noch nicht geschehen sein. Verdrängen? – „Das bringt nichts“, sagt Dörte Henning.


Uelzen-Groß Liedern – Sie lächeln in die Kamera. Die entstandene Fotografie von Carsten und Dörte Hennings ist heute in einem kleinen Kalender zu finden, den ihre Tochter für die Eltern gestaltet hat und der im Haus des Groß Liederner Ehepaares steht. „Es war Weihnachten des letzten Jahres, als die Aufnahme gemacht wurde“, erinnert sich Dörte Hennings. Es sieht nach einem unbeschwerten Moment aus. Das Bild erzählt aber nicht alles. Dörte Hennings Mann leidet an einer speziellen Form der Demenz.

Carsten Hennings ist 63 Jahre alt. Das Bild im Kalender zeigt einen kräftigen Kerl mit Farbe im Gesicht. Wer ihn sehe, ahne nicht, wie es um ihn stehe, sagt Dörte Hennings. An guten Tagen geht ihrem Mann ein fröhliches „Guten Morgen“ über die Lippen. An anderen ist es nervenaufreibender. „Dann weiß er nicht, was ein Messer ist“, erzählt Dörte Hennings.

Offener Umgang mit der Krankheit

Ärzte diagnostizierten bei Carsten Hennings eine „frontotemporale Demenz“. Nervenzellen sterben im Stirn- und Schläfenbereich ab, ist über die Erkrankung nachzulesen. Es ist eine seltenere Form der Demenz. Eher untypisch sind auch die Symptome. Carsten Hennings lächelt viel, spricht aber kaum bis gar nicht mehr. Zu zweit sind sie, und doch ist Dörte Hennings allein. „Ja, das ist schon so“, sagt sie. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Carsten Hennings hat als Heizung- und Lüftungsbauer gearbeitet, hat für sich, seine Frau und die beiden Kindern ein Haus gebaut. Mit Garten und Terrasse. Ein Kleinod. Dass aus einem kraftstrotzenden Mann mit technischem Geschick – „er hat alles gemacht“ – jemand wurde, der jetzt nicht mehr weiß, wie eine Heizung zu entlüften ist, machte und macht ihr zu schaffen. „Weil man ihn anders kannte. Es ist schwer, es in den Kopf zu bekommen, dass es jetzt nicht mehr funktioniert.“

Dörte Hennings aber stellt sich den Aufgaben. Und sie geht offen mit der Erkrankung ihres Mannes um. „Das hilft“, sagt sie. Sie weiß: So wie ihr ergeht es auch anderen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leiden weltweit 55 Millionen Menschen unter einer Demenzerkrankung. Bis 2050 wird erwartet, dass die Zahl auf 139 Millionen steigt.

Er findet die Worte nicht mehr

Hennings rät Angehörigen von Betroffenen, sich Hilfe zu suchen, sollte das noch nicht geschehen sein. Für Menschen in Stadt und Landkreis Uelzen wird ihm Rahmen der anstehenden Woche der Demenz am kommenden Donnerstag eine Telefonaktion organisiert. Experten geben Menschen, die womöglich betroffen sind, und Angehörigen Ratschläge (Siehe Zum Thema). Verdrängen – „das bringt nichts“, sagt Dörte Henning.

Gut zwei Jahre ist es jetzt her, dass ihrem Mann erstmals die Erkrankung deutlich anzumerken war. Er erleidet einen körperlichen Zusammenbruch, „ein viel zu hoher Blutdruck“, schildert die 62-Jährige. In den Monaten danach machen sich Wortfindungsstörungen bemerkbar. Das Telefonieren wird zu einer Stotterpartie, so dass er frustriert auflegt. Er weiß nicht mehr, wie er Dinge sagen soll. Schließlich wird er sehr still, in sich gekehrt.

Die ersten Ärzte werden aufgesucht, von denen einer Carsten Hennings eine Depression attestiert. Aber das kann sich Dörte Hennings nicht vorstellen. Ein Hinweis zu einer Demenzgruppe lässt sie auf den Gedanken kommen, dass das womöglich die Ursache sein könnte.

Eine Diagnostik in einer Klinik bringt Aufschluss, ihrem Mann hatte sie die Untersuchung vorgeschlagen – „lass uns das machen.“ Er willigt ein. Seitdem herrscht Gewissheit.

Gespräche in einer Selbsthilfegruppe

Dörte Hennings hat sich inzwischen einer Selbsthilfegruppe zu genau jener speziellen Demenzform angeschlossen. Via Videochat tauschen sich Angehörige aus dem gesamten Bundesgebiet aus. „Man weiß, man ist nicht allein“, sagt Dörte Hennings.

Carsten Hennings ist vier Mal die Woche von acht bis 15.30 Uhr in der Tagespflege. Das verschafft seiner Ehefrau etwas Freiraum. „Du musst ja immer für zwei denken. Das Leben ist anstrengender geworden. Und nicht immer bin ich tiefenentspannt.“

Die 62-Jährige geht auch noch einer geringfügigen Beschäftigung im Bereich Gesundheitssport nach. Ihren Mann kann sie auch zur Arbeitsstelle mitbringen, die Chefs seien dankenswerterweise sehr offen und verständnisvoll. „Carsten trinkt seinen Kaffee am Tresen.“ Aber er macht auch selbst noch ein wenig Sport. Er habe noch ein ausgesprochen gutes Reaktionsvermögen, berichtet Dörte Hennings.

Zuhause im Garten werden Bälle gefangen, Carsten Hennings steigt auch noch mit seiner Frau aufs Rad. Allein lässt Dörte Hennings ihren Mann aber nicht mehr.

Jüngst hat sie ihn gebeten, vor einer Apotheke zu warten, bis sie die Medikamente herausgeholt hat. In der Zeit hat er sich auf den Weg gemacht. Sie rief und fand ihn nach wenigen Metern.

Aus den Gesprächen in der Selbsthilfegruppe weiß Dörte Hennings: Der Verlauf bei Erkrankten ist ganz unterschiedlich. „Aufzuhalten ist es nicht“, sagt die 62-Jährige. So zählt jeder Tag. Unter dem Bild von ihr und ihrem Mann im Kalender steht geschrieben: „Lebe jeden Augenblick, liebe unendlich und lache jeden Tag.“

Telefonaktion des Netzwerkes Demenz

Das im Landkreis Uelzen etablierte Netzwerk zur Demenz bietet am kommenden Donnerstag, 23. September, eine telefonische Beratung zum Thema Demenz an. Mögliche Betroffene und Angehörige können sich in der Zeit von 14 bis 16 Uhr beraten lassen. Folgende Experten sind telefonisch zu erreichen:

Waldemar Signus (Psychiatrische Klinik Uelzen), Telefon: (05 81) 38 95 200

Gabriele Witt (Paritätischer Uelzen), Telefon: (05 81) 97 07 17

Meike Riedel (Uelzener Tagesdomizil am Stadtwald), Telefon: (05 81) 38 97 080

Sonja Hass (Seniorenservicebüro Uelzen), Telefon: (05 81) 800 62 87

Marie Maiwirt (Pflegestützpunkt Landkreis Uelzen), Telefon: (05 81) 800 61 37

Anne-Kathrein Agha (Seniorenresidenz Uelzen), Telefon: (05 81) 97 37 700

Interessierte können darüber hinaus ihre Fragen auch per E-Mail an seniorenservicebuero@stadt.uelzen.de senden. Künftig soll es im Kreis auch eine regelmäßige Sprechstunde geben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare