Von Woche zu Woche

Warum und wann wir Nationalitäten der mutmaßlichen Täter nennen 

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Polizeifahrzeuge parken gestern vor dem Lüneburger Klinikum: Das Opfer der Schüsse wird rund um die Uhr von schwer bewaffneten Beamten bewacht.

Es sind beunruhigende Meldungen, die in diesen Tagen aus unserer Nachbarstadt Lüneburg kommen. Wieder einmal sind sich offenbar Familienclans dermaßen in die Quere gekommen, dass auf offener Straße ein halbes Dutzend Schüsse gefallen sind. Ein 20-Jähriger musste notoperiert werden, seitdem patrouilliert die Polizei mit einem Großaufgebot. Wohnungen werden durchsucht, Spezialkommandos und Hunde sind im Einsatz...

Thomas Mitzlaff

So dramatisch diese Nachrichten sind, so wichtig und richtig ist es auch, dass der Staat solche deutliche Reaktionen zeigt. Denn das sind Vorfälle, bei denen jeder zwischen die Fronten geraten kann – in dieser Dimension, aber auch einige Nummern kleiner und deshalb nicht weniger alarmierend. So ist eine Frau auf einem Spielplatz von einer Männergruppe bepöbelt, beleidigt, bedrängt worden. Sie hatte Angst, Panik. Erst zufällig vorbeikommende Passanten konnten ihr helfen.

Was diese Nachrichten gemeinsam haben? Sie lösen unter der Leserschaft der AZ stets wieder eine Debatte aus, ob es nötig ist, dass die Zeitung die Nationalitäten der mutmaßlichen Täter nennt. Regelmäßig erreichen die Redaktionen entsprechende Mails und wird in sozialen Netzwerken diskutiert.

Die Meinungen sind gespalten. Einige halten diese Information für wichtig, andere werfen uns ausländerfeindliche Kampagnen oder sogar Rassismus vor.

Dabei ist der Maßstab eigentlich recht einfach: Die entscheidende Frage ist, ob die Nennung der Nationalität wichtig ist, um den Gesamtzusammenhang einer Nachricht zu verstehen. Im Falle der Frau auf dem Spielplatz – ja, man muss sagen, dass es sich um drei Afghanen und einen türkischen Staatsbürger handelt. Denn dass an einem Ostermontag-Nachmittag auf dem Spielplatz einer Grundschule in einem gutbürgerlichen Wohnviertel eine Frau Angst um ihre Gesundheit hat und praktisch zu Freiwild erklärt wird, ist eine Form der Kriminalität, die es so bislang nicht gab bei uns. Sie ist auch ein Resultat der Ausländer- und Flüchtlingspolitik dieser Regierung.

Doch in diesen Diskussionen zeigt sich auch: Die alten Reflexe in der Gesellschaft funktionieren nicht mehr. Wer bislang die Einstellung hatte, die Nennung von Nationalitäten bei Kriminalberichterstattung sei grundsätzlich fremdenfeindlich, sieht sich plötzlich Vorfällen wie in Köln oder auf dem Spielplatz ausgesetzt. Es ist nicht mehr wegzudiskutieren, dass Deutschland da (auch) durch den Flüchtlingszuzug ein Problem bekommen hat, dem man sich stellen muss. Wer aber korrigiert schon gerne das eigene Weltbild...

Empörung gab es auch über die Berichterstattung in Sachen Schüsse. Dabei hat die AZ in dieser Angelegenheit bis heute keine Nationalitäten genannt, sondern lediglich von Großfamilien und Clans gesprochen.

Doch die sind in Deutschland mittlerweile schon derart allgegenwärtig, dass jeder ohnehin weiß, dass dabei arabische oder Migrations-Hintergründe eine Rolle spielen und die Polizei bei den mutmaßlichen Schützen nicht nach Männern mit Vornamen wie Matthias oder Michael fahndet.

Für die AZ und alle Medien ist es immer ein schmaler Grat, einerseits Gefahr zu laufen, einer Kampagne bezichtigt zu werden oder andererseits unterstellt zu bekommen, Lügenpresse zu sein, die Informationen verschweigt. Wir wägen stets ab, aber stellen uns natürlich auch jederzeit dieser Diskussion. Persönlich oder per Mail, chefredaktion@az-online.de

Von Thomas Mitzlaff

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