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Warum starb Valérie? Staatsanwaltschaft ermittelt nach Tod der Siebenjährigen in Uelzen

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Von: Lars Becker

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Am 21. März wurde die siebenjährige Valérie hier im MVZ am Hammersteinplatz untersucht. Stunden später starb sie im Helios-Klinikum mutmaßlich an einem Blinddarmdurchbruch – die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt.
Am 21. März wurde die siebenjährige Valérie hier im MVZ am Hammersteinplatz untersucht. Stunden später starb sie im Helios-Klinikum mutmaßlich an einem Blinddarmdurchbruch – die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt. © Lars Becker

Trägt eine Ärztin des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Hammersteinplatz Mitverantwortung für den Tod von Valérie (7) aus Uelzen? Das ist Gegenstand eines Todesermittlungsverfahrens, das bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg geführt wird, wie Pressesprecherin Wiebke Bethke bestätigt. Die Leben leben Gesundheit gGmbH, zu der das MVZ gehört, kündigt an, die Ermittlungen vollumfänglich zu unterstützen.

Uelzen – Am 2. April ist ein Video auf der Plattform Youtube veröffentlicht worden, das den tragischen Tod der siebenjährigen Valérie aus Uelzen thematisiert (siehe unten). Das Mädchen starb am 21. März mutmaßlich an einem Blinddarmdurchbruch im Helios-Klinikum, wo man vergeblich versuchte, das Leben des Mädchens zu retten.

Das war Stunden zuvor wegen starker Bauchschmerzen in der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Hammersteinplatz gewesen – diagnostiziert wurde der Blinddarmdurchbruch dort aber nicht. Die Mutter behauptet, mit dem Rat, ihrer Tochter Bananen und Wasser zu geben, wieder nach Hause geschickt worden zu sein. Eine vernünftige Untersuchung habe es nicht gegeben, auch keine Behandlung mit Medikamenten.

„Gerechtigkeit für Valérie“

Auf ihrer Internetseite fordert die Organisation „Black Community Coalition for Justice and Self-Defence“ nicht nur die vollständige Aufklärung des Falles, sondern erhebt schwere Vorwürfe gegen das MVZ und die Ärztin. Wörtlich heißt es: „Wir solidarisieren uns mit Schwester Jennifer Iyobor in ihrer Forderung nach Klärung der Umstände, die zum Tod ihres Kindes Valérie führten.

Was sie beschreibt, ist die Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit, mit der Menschen afrikanischer Abstammung im Gesundheitswesen oft konfrontiert sind. Rassismus ist nicht nur eine Frage der ausdrücklichen unmenschlichen Tötungsabsicht, sondern führt auch zu Nachlässigkeit oder zur Verweigerung angemessener Dienstleistungen für rassifizierte Menschen“, heißt es – verbunden mit der Forderung: „Gerechtigkeit für Valérie“.

Sachverständiger kann eingeschaltet werden

Die „quälenden Bauchschmerzen“ des Mädchens seien von der Kinderärztin „als banale Magen-Darm-Verstimmung abgetan“ worden, schreibt die Organisation aus Hamburg weiter, an die sich die Mutter aus Uelzen in ihrer Verzweiflung wandte. „Die Polizei teilte der Mutter mit, dass die Autopsie als Todesursache einen Blinddarmdurchbruch ergab. Wie kommt es, dass die Kinderärztin eine Blinddarmentzündung nicht als mögliche Ursache für die starken Schmerzen und das Erbrechen erkannt hat? Warum hat sie Valerie nicht gründlich untersucht oder entsprechende Tests angeordnet? Warum konnte sie keine genaue Diagnose stellen?“, so die Organisation weiter.

Genau diese Fragen sind Gegenstand eines Todesermittlungsverfahrens, wie die Staatsanwaltschaft Lüneburg der AZ bestätigt hat. Pressesprecherin Wiebke Bethke erklärt: „Dies ist üblich, wenn die Todesursache durch den den Tod feststellenden Arzt als ,ungeklärt‘ eingestuft worden ist, um die Todesursache sowie etwaige Verantwortlichkeiten aufzuklären. Eine Obduktion des Leichnams ist angeordnet worden und mittlerweile auch erfolgt. Nach einer ersten vorläufigen Einschätzung der Obduzenten könnte ein Durchbruch des Blinddarms todesursächlich gewesen sein.

Die Ermittlungen, die eine umfassende Überprüfung des Verhaltens aller an der Behandlung des Mädchens beteiligten Personen umfassen, stehen erst am Anfang und werden wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Einzelne Ermittlungsmaßnahmen und der konkret geplante Verlauf von Ermittlungen werden grundsätzlich nicht kommentiert, da Ermittlungsverfahren nicht öffentlich geführt werden, um das Ergebnis der Ermittlungen nicht zu gefährden.“ So könne zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht gesagt werden, „ob und ggf. mit welchem Auftrag ein medizinischer Sachverständiger beauftragt werden wird“.

Die Staatsanwaltschaft äußert sich auch zum Rassismus-Vorwurf: „Soweit die Mutter des verstorbenen Mädchens insbesondere in dem in sozialen Medien veröffentlichten und verbreiteten Video in den Raum stellt, dass eine etwaige Fehlbehandlung ihrer Tochter rassistisch motiviert erfolgt sei, haben sich hierfür nach bisherigen Ermittlungen keine zuverlässigen tatsächlichen Anhaltspunkte ergeben.“

Jörn Dieterich ist Geschäftsführer der Leben leben Gesundheit gGmbH, zu der das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Hammersteinplatz gehört. Er hat nach eigener Aussage am Mittwochabend das Video über Valéries Tod gesehen.

„Das ist ein sehr tragischer Fall, wir können alle wohl nur erahnen, wie schlimm das für die Mutter sein muss. Ihr gilt unser aufrichtiges Mitgefühl. Wir werden der Staatsanwaltschaft alles an Unterlagen zur Verfügung stellen, damit es eine schnelle Klärung geben kann. Daran sind auch wir sehr interessiert. Wir alle stehen hinter unserer Ärztin und sind überzeugt davon, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. Wir scheuen dieses Verfahren nicht und würden die Untersuchung sogar beschleunigen wollen, damit einfach für alle Klarheit da ist“, sagte Dieterich, der unmittelbar vor dem Telefonat mit der AZ mit der betroffenen Kinderärztin gesprochen hatte: „Sie war total geschockt.“

„In völlig falsches Licht gestellt“

Er ergänzt mit Blick auf Kommentare unter dem Youtube-Video, aber auch unter diversen Beiträgen in sozialen Netzwerken: „Den Rassismus-Vorwurf weise ich entschieden zurück. Es ist seit jeher Grundphilosophie von ,Leben leben‘, dass bei uns jeder gleich behandelt wird – egal welcher Nationalität, Religion oder Hautfarbe. Wir haben Beschäftigte aus Italien, Polen, Russland oder Albanien, haben eine Familie aus Litauen übergesiedelt. Ich wehre mich dagegen, dass wir hier in ein völlig falsches Licht gestellt werden. Das kränkt mich persönlich. Was uns da vorgeworfen wird, ist schlichtweg absurd, wenn sie alleine schauen, wie viele Patienten wir auch mit Migrationshintergrund behandeln.“

Nach Jörn Dieterichs Sachstand hatte die Mutter von Valérie am Montag, 21. März, morgens im MVZ angerufen und geschildert, dass es ihrer Tochter nicht gut gehe. „Wenn in einem solchen Gespräch aber nicht ganz klar wird, was vorliegt – etwa wegen der Sprachbarriere – dann bestellen wir diese Patienten sofort ein, weil es sich ja um einen Notfall handeln könnte. Die Mutter wurde mit ihrer Tochter einbestellt und ist auch direkt bei ihrer Ankunft drangekommen, obwohl die Sprechstunde sehr voll war. Und es hat auch eine Untersuchung stattgefunden“, so der MVZ-Geschäftsführer. So wie im Video berichtet, sei es „definitiv nicht gewesen“, so Dieterich. Alles weitere müssten die Ermittlungen ergeben.

Mit dem RTW ins Klinikum eingeliefert

Das Helios-Klinikum Uelzen, wo Valérie starb, reagierte auf die AZ-Anfrage zu dem Fall zurückhaltend: „Wir können bestätigen, dass ein siebenjähriges Mädchen am 21. März mit dem RTW eingeliefert worden ist. Gleichzeitig bitten wir um Verständnis, dass wir uns aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weiter hierzu äußern können“, teilt Jane Ay, Referentin Unternehmenskommunikation, mit.

Valérie ist am Donnerstagnachmittag beerdigt worden. Die „Black Community Coalition for Justice and Self-Defence“ unterstützt die Familie, plant mit Blick auf Beerdigungs- und mögliche Prozesskosten eine Spendenaktion und womöglich auch eine öffentliche Trauerfeier.

LaToya („Sista“) Oloruntoyin, die das Youtube-Video mit Jennifer Iyobor aufgenommen hat, sagte gestern im AZ-Gespräch, dass die Mutter unter Schock stehe, womöglich Uelzen in Richtung Hamburg verlassen, eine Trauertherapie und einen Neuanfang machen wolle: „Jeder Moment in ihrer jetzigen Wohnung ist voller Erinnerung, voller Schmerz.“ 2019 war Jennifer Iyobor aus Nigeria gekommen – mit ihrer Tochter Valérie. Jetzt bleibt ihr nur noch deren kleiner Bruder.

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