Erinnerungen an Heute

Vorsicht: Singen mit Senioren…

Der Bus des Altenheims fuhr vor der Hamburger Hochschule vor und wir standen Schlange am Straßenrand, halfen beim Aussteigen von hochbetagten Mitbürgern, hoben ihre Rollstühle heraus, schoben und begleiteten die Gäste in den Hörsaal.

Ein gemütlicher Hörsaal: Ebene Erde, viele Instrumente an den Wänden, ein Stuhlkreis mit soviel Blumen im Zentrum, wie wir Gäste erwarteten. Senioren. Das Hochschulprojekt heißt: Studenten singen mit Senioren.

Im Vorbereitungsseminar interviewten sich die Studenten: Wie sehen sie ihre Großeltern, Großtanten, Großonkels, betagte Nachbarinnen? Was wissen sie von deren Vorlieben bei Musik, beim Liedersingen? Meine Güte, die Studierenden waren so aufgeregt, dass ich es auch wurde.

Wir waren toll vorbereitet und das erste Treffen beinhaltete Singen und Gespräche zum Thema Volkslied, Kirchenlied, Oper/Operette. Wir hatten zu jeder Kategorie jeweils ein Stück gut vorbereitet: Zum gemeinsamen Singen zum Thema Mai und zum Vorspielen. Die Sängerin XinWei aus China hatte Schuberts Forelle gerade studiert und ich würde sie am Flügel begleiten. Zwischendrin sollte immer gefragt werden, ob die Gäste sich noch ein Lied dazu oder dazu wünschten. Potpourri, Wunschkonzert…

„Der Mai ist gekommen“ klappte bis zum Ende der zweiten Zeile der ersten Strophe – dann sangen die Senioren absolut sicher und ein Professor halbsicher weiter und alle anderen mit „Lala…“. Denn: Die Textsicherheit der Senioren ist blamabel auf der ganzen Linie – für uns, Professoren und Studierende einer Musikhochschule!

Eine Dame wünschte sich bei der Wunschrunde „das doch sicher Ihnen bekannte ‘Veronika, Veronika – der Lenz ist da‘“ – und wir alle nickten begeistert und begannen – und versandeten mit dem Text nach zwei Zeilen (ich nach vier). Hingegen sangen uns die Senioren „mit starker Stimme und „sicherem Wort“ davon.

„Die Forelle war toll und Ihre jungen Stimmen auch!“ wurden wir getröstet und beraten: „Und die Worte zu den Liedern – die müssen Sie nur auswendig lernen. Wie wir damals. Geht ganz von selbst.“

Seitdem wird in etlichen Überäumen der Hochschule und in zahlreichen studentisch gemieteten Zimmern Hamburgs fleißig geübt: „Geh aus mein Herz und suche Freud‘ (Rubrik christliches Volkslied). Dann: „Eine Seefahrt, die ist lustig…“. Und gepaukt wird wie seit der Schule nicht mehr: Texte nämlich. Alle Strophen (Geh aus mein Herz 15), die Seefahrt (14). Damit die Senioren uns nicht nochmal so peinlich überlegen sind…Auf spontane Wunschkonzerte wird das Projekt ab sofort verzichten…

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller. E-Mail-Kontakt: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

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