Vier Jahre Gefängnis gefordert

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Bei der Abgabe von Methadon soll der Uelzener Angeklagte gegen Gesetze verstoßen haben.Hendrik Vester leitet den Prozess.

rast Lüneburg. „In seiner Praxis wurde Methadon nicht als Heil-, sondern als Suchtmittel ausgegeben. So wurde die Drogensucht auf Dauer unterstützt.“ Laut Oberstaatsanwältin Heike Lalla hat keiner so „substituiert“ wie der angeklagte 44-jährige Allgemeinmediziner aus Uelzen: „Letztlich hat der Patient selbst bestimmt, wie er substituiert wird, welche Mengen er erhält und ob er Beikonsum hat, also noch andere Suchtmittel nimmt.“

Die Anklägerin wirft dem Arzt das unerlaubte Verschreiben in 362 Fällen, die unerlaubte Abgabe in 55 Fällen und den unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in drei Fällen vor. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Verteidiger Eike Waechter dagegen plädiert auf Freispruch, er sieht keine Grenze zu strafbaren Handlungen überschritten. Einer der spektakulärsten Medizinprozesse in Deutschland steht vor dem Abschluss, die 2. Große Strafkammer am Landgericht Lüneburg will ihr Urteil nächsten Dienstag, 15. Februar, verkünden.

Ins Visier geriet der Mediziner, nachdem Anfang 2006 in seiner Praxis eingebrochen wurde und der schnell gefasste Täter dem Arzt den Handel mit Betäubungsmitteln vorwarf. Am 22. Mai 2006 wurde seine Praxis durchsucht. Die Staatsanwaltschaft sammelte lange Unterlagen und wertete sie aus, kam zu dem Schluss: In knapp 1000 Fällen hat der Arzt gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Der Prozess läuft seit 1. September 2009. Wegen der überlangen Verfahrensdauer plädierte Lalla gestern am 50. Verhandlungstag darauf, vier Monate von den vier Jahren der geforderten Strafe als bereits verbüßt anzusehen.

Die Oberstaatsanwältin sieht die Substitution – also die Abgabe der Ersatzdroge Methadon an Heroinsüchtige – „als gute Sache“: „Die gesetzlichen Regelungen gehen zurück auf intensive Beobachtungen der Drogenszene. Und die Vorschriften müssen hart sein, damit die Patienten überleben.“ Dabei bleibe dem Arzt nur ein sehr enger Spielraum, und hier habe der 44-Jährige die Grenze zur Strafbarkeit überschritten. Der Uelzener habe zwischen 2002 und 2006 beispielsweise keine Dokumentationen erstellt und seine Patienten nicht immer zu Urinproben gebeten, um so kontrollieren zu können, ob sie nebenher andere Drogen konsumierten. Er habe Patienten auch größere Mengen Methadon mit nach Hause gegeben, ohne prüfen zu können, ob sie diese selbst einnehmen oder vielleicht verkaufen. Zudem sei auch die Abgabe an Boten strafbar, die Praxis habe häufig die Ersatzdroge an Dritte ausgegeben. Dabei seien die meisten Abgaben nicht einmal über den Mediziner selbst, sondern über seine Arzthelferinnen gelaufen.

Oberstaatsanwältin Lalla hielt dem Arzt zugute: „Er häufte für sich keine größeren Reichtümer an, er betrieb die gewerbsmäßige Verschreibung, um über die Substitution seine Praxis finanzieren zu können, die durch die Vielzahl von Methadon-Patienten schlicht überfordert war.“ Da der Mann auch während der 17-monatigen Prozessdauer keine Einsicht gezeigt habe, forderte die Anklägerin für ihn zudem ein lebenslanges Berufsverbot, das allerdings nur für die Substitutionstätigkeit gelten solle.

Verteidiger Eike Waechter dagegen machte geltend, dass sich die Substitutionsbehandlung seit ihrer Einführung 1976 stark verändert habe und weiter im Wandel sei: „Es ist ein Rechtsgebiet, das sich ständig wandelt. Was gestern als strafbar gesehen wurde, ist heute machbar.“ Sein Mandant habe die ganzheitliche Gesundheit seiner Patienten zum Ziel gehabt: „Er wollte, dass sie geistig wieder ansprechbar und sozial integriert werden. Er nutzte seine Behandlungsfreiheit im Interesse seiner Patienten, um ihnen zu dienen.“ Die rechtliche Theorie und die ärztliche Praxis gingen dabei oft deutlich auseinander, eine Strafbarkeit sieht der Lüneburger Rechtsanwalt Waechter aber nicht: „Er sah sich als Arzt, der zum Wohl seiner Patienten handelte, und nicht als staatlicher Aufpasser.“

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