Was wäre wenn...: Ausstellung zeigt den GAU in Norddeutschland

Verseucht und verstrahlt in Uelzen

Besucher bei der Eröffnung von „Was wäre wenn...“ gestern im Rathaus Uelzen. Fotos: Hasse

Uelzen. Ein Horrorszenario bietet das Foyer des Uelzener Rathauses derzeit. Die Ausstellung „Was wäre wenn. . . “ zeigt, wie Norddeutschland aussehen würde, wenn das AKW Brokdorf einen ähnlichen GAU erleben würde wie Tschernobyl im Jahr 1986.

Brigitte Besenthal, die Zweite Vorsitzende des Gomel-Ausschusses des Kreises, weiß, was wäre, wenn... „Genau das Gleiche wie in Tschernobyl. Das Land wäre verseucht, es wäre verstrahlt, Menschen würden sterben. Noch nach 26 Jahren würden kranke und behinderte Kinder geboren werden.“ Besenthal war über 40 Mal in Gomel, einem Ort nahe Tschernobyl. Dreimal war sie in der 30-Kilometer-Zone um Pripyat, dem Ort bei dem explodierten AKW. Wenn sie eine Stunde in diesem Kreis war, erzählt sie, schmecken die Lippen nach Blei.

Die Ausstellung wird noch bis zum 29. April von der Bürgerinitiative gegen Atomanlagen Uelzen und dem Gomel-Ausschuss gezeigt. Kernstück sind nebeneinander gestellte Fotos des Umweltjournalisten Alexander Neureuter. Da hängt ein Bild des Riesenrades des Hamburger Doms neben dem Riesenrad Pripyats, das niemals genutzt wurde, weil Tschernobyl vier Tage vor der Eröffnung explodierte. Da hängen Bilder von sich fleißig meldenden Kindern im Unterricht neben dem Bild eines verlassenen, verstaubten Schulraumes in Pripyat, einer Stadt, in der heute Bäume durch die Häuser wachsen.

Wenn der Wind von Nordwes-ten kommt, läge Uelzen direkt im Bereich einer radioaktiven Wolke aus Brokdorf.

Würde Brokdorf explodieren, beträfe die Evakuierung ganz Norddeutschland: In einem 170-Kilometer-Radius müsste im Extremfall evakuiert werden. Der Radius reicht vom Süden Dänemarks bis nach Holland, Hannover und knapp bis Rostock. Schleswig-Holstein und Hamburg sind vollkommen in dem Radius. Beide Länder allein haben eine Bevölkerung von 4,6 Millionen Einwohnern. Zwei Drittel der Fläche Niedersachsens wären dazu betroffen.

In der näheren Umgebung Brokdorfs wären die Auswirkungen der Strahlung fatal: Bei Rissen in großen Betonflächen kocht die Luft durch die Bewegung von radioaktiven Teilchen, sogenannte „Hot spots“ entstehen, die in Pripyat gefürchtet sind.

Brigitte Besenthal bereitet sich derzeit auf ihre nächste Reise nach Gomel vor, den Ort in Weißrussland, der bis heute unter der Nähe zu dem AKW bei Pripyat leidet, weil er die Strahlung voll abbekommen hat. Die Gomelhilfe versucht, das Leid von kranken Kindern zu lindern. „Diese Hilfe wird lange nicht vorbei sein“, sagt sie. Denn die Erkrankungen werden bleiben. „Wenn heute behinderte Kinder geboren werden, nehmen die Eltern sie zum Teil schon nicht mehr mit nach Hause“, so Besenthal.

Gomel ist von Tschernobyl so weit entfernt wie Uelzen von Brokdorf.

Von Kai Hasse

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