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29-Jähriger in Uelzen auf Anklagebank: „Größte Strafe“ ist Tod des Freundes

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Von: Norman Reuter

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Amtsgericht in Uelzen
Vor dem Amtsgericht in Uelzen wird der schwere Verkehrsunfall vom 7. April dieses Jahres auf der L234 aufgearbeitet. © Reuter, Norman

Ein Überholmanöver mit tödlichem Ende - dafür muss sich ein junger Mann aus der Ukraine nun vor dem Amtsgericht verantworten.

Uelzen – Als im Saal 1 nach Abschluss der Beweisaufnahme in einem Rechtsgespräch Richter, Staatsanwältin und Verteidiger über ein Strafmaß für den 29-jährigen Angeklagten reden, fällt ein Satz, der die ganze Tragik des Falls offenbart, der am Amtsgericht verhandelt wird: „Die größte Strafe für ihn ist doch, dass er seinen Freund verloren hat“, sagt Verteidiger Martin Golling.

Der 29-Jährige, dem der Vorwurf der fahrlässigen Tötung gemacht wird, ist mit einem Wagen am 7. April dieses Jahres auf der L234 unterwegs, vor ihm fährt besagter Freund, 38 Jahre alt, in dessen Auto. Gegen 21 Uhr, zwischen Wettenbostel und Holthusen I, kommt es bei einem Überholversuch zur Kollision – der Wagen des 29-Jährigen driftet nach links von der Fahrbahn ab und landet auf einem Feld. Der Wagen des 38-Jährigen wird am rechten Fahrbahnrand zunächst gegen einen kleineren, dann gegen einen größeren Baum geschleudert.

Wenngleich Ersthelfer, die auf die Unfallstelle zukommen, Reanimationsversuche unternehmen, stirbt der 38-Jährige noch an der Unfallstelle. „Er war ein guter Mensch“, sagt der Angeklagte über ihn.

Wer überholt,    hat die größere Verantwortung.

Richter Walter Graf Grote

Der 29-Jährige, wie auch der Verstorbene, stammen aus der Ukraine. An diesem 7. April habe nichts darauf hingedeutet, welchen schlimmen Ausgang der Tag nehmen würde, übersetzt die Dolmetscherin. Sie hätten glückliche Stunden mit gemeinsamen Freunden aus der Ukraine verlebt, und sich dann wieder auf den Heimweg gemacht, auf dem es zur Kollision kommt.

Das Gericht beschäftigt die Frage, wie das Überholmanöver so missglücken kann, dass zu dem folgenschweren Unfall kommt. Für die Staatsanwaltschaft ist auch nach Erkenntnissen des Sachverständigen klar: Hätten die beiden mehr Sicherheitsabstand zu einander eingehalten, wäre es nicht zum Unfall gekommen. Deshalb der Vorwurf der fahrlässigen Tötung.

Der Angeklagte gibt an, dass er den Wagen des Freundes überholen wollte, um vorauszufahren. In seinem Wagen hätte sich das Navigationsgerät gefunden, „weil der Weg uns nicht so bekannt war“. Beim Ansetzen zum Überholen „ist das Auto dann plötzlich vor mir“, so der 29-Jährige. Er habe nicht mehr ausweichen können.

Aber welchen Grund könnte es geben, dass der Wagen des Verstorbenen nach links zieht. Zwei Thesen, die der Angeklagte vorbringt: „Womöglich war es der Wind.“ Oder: „Vielleicht wollte er einen Scherz machen und zog nach links.“

Eine Simulation des Sachverständigen stützt die Aussage des Angeklagten insoweit, dass der Wagen des 38-Jährigen nach links ausgerichtet gewesen sein muss. Die Kollision muss sich zudem auch, das ergibt sich aus Asphaltschäden, verursacht von einer blanken Felge, im Bereich des Mittelstreifens ereignet haben. Der Verstorbene ist zum Zeitpunkt des Unfalls, so ergeben es Ermittlungen der Polizei, nicht angeschnallt. Um die Warnsignale zur Gurtpflicht zu umgehen, hat er wohl Attrappen von Gurtschnallen in die Halterungen gesteckt.

Zu denken gibt dem Gericht die Aussage des Angeklagten, wonach der Abstand zwischen den beiden Wagen fünf Meter beträgt, als zum Überholen angesetzt wird. Richter Walter Graf Grote: „Wer überholt, hat die größere Verantwortung.“

Deshalb und wegen der schweren Folgen des Unfalls kommt für ihn auch keine Einstellung des Verfahrens in Frage. Eine solche bringt Verteidiger Martin Golling ins Gespräch, weil sein Mandant in der Heimat als Zöllner arbeite und diese Arbeit auch wieder aufnehmen wolle, wenn der Krieg vorbei sei. Eine Verurteilung würde sich beruflich negativ für ihn auswirken.

Das Gericht erkennt an, dass durch das Fahrverhalten des Getöteten dieser eine Mitschuld am Unfall trägt, verwarnt den Angeklagten deshalb lediglich – bei einem Vorbehalt einer Geldstrafe. 50 Sozialstunden muss er ableisten.

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