Prozess um Tod eines Kindes – welche Rolle spielt Rechtsradikalismus?

„Vater war geschichtsbewusst“

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Prozessauftakt gestern in Hannover (von rechts): die Angeklagte Antje B., Verteidiger Matthias Macht, der Angeklagte Baldur B. und Verteidiger Christian Wöhlke.

Uelzen/Hannover. Hand in Hand spazieren Antje und Baldur B. vor Prozessbeginn durch die Flure des Landgerichts Hannover, in einem Bastkorb trägt der Mann eine Thermoskanne mit zwei Bechern – ein Bild wie bei einem harmonischen Familienausflug.

Nur dass die vierjährige Sieghild nicht mehr dabei ist. Antje und Baldur B. sollen für den Tod ihrer Tochter verantwortlich sein, weil sie ihrem zuckerkranken Kind das lebensnotwendige Insulin verweigerten.

Das Martyrium der kleinen Sieghild (4)

Heligabend spuckte sie Blut

Wenig später bei der Aussage vor Gericht gibt es viele Tränen bei den Eltern, in den Verhandlungspausen dagegen wird lachend mit den Verteidigern gescherzt und in der Mittagspause in der Gerichtskantine herzhaft zugelangt – es ist in jeder Beziehung ein Prozess voller Widersprüche gegen die 28 und 32 Jahre alten Eheleute, die beim Tod von Sieghild im Kreis Uelzen wohnten und zwischenzeitlich mit ihren fünf weiteren Kindern in die Altmärkische Wische gezogen sind.

Hat der Umgang mit Schulmedizin und Kindern einen politischen, rechtsradikalen Hintergrund? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den ersten Verhandlungstag, und schnell wird klar, dass zwischen den betont moderaten Aussagen und der Lebensform der beiden Angeklagten offenbar ein eklatanter Widerspruch besteht.

Während Baldur B. Wasser- und Bodenwirtschaft studierte, lebte die Familie in Wieren. 2010 dann mit anderen Familien der Umzug auf ein Gehöft im Landkreis Stendal – Anja und Baldur B. sollen zu jenen völkisch-rechten Siedlern gehören, die in der Abgeschiedenheit der Altmark eine Gesinnung langfristig über ihr offenbar rechtsextremes Lebenskonzept verbreiten wollen.

Ja, man habe mit den Familien, mit denen man auf den Hof gezogen ist, ein Konzept, das sich ganz auf die klassische Familienform und die Kindererziehung als Philosophie konzentriere, erklärt der Vater auf Nachfrage des Gerichtes. Einen rechtsradikalen Hintergrund gebe es in ihren Familien nicht, erklären beide auf Nachfrage des Gerichts. „Mein Vater war sehr geschichtsbewusst“, umschreibt der 32-Jährige und räumt ein, selbst in der Wiking-Jugend gewesen zu sein. Und für seine Ehefrau ist die umstrittene „Artgemeinschaft“ ein ganz normaler Zusammenschluss Gleichgesinnter.

Das Anwesen, auf dem sie jetzt wohnen, gehört einer Stiftung, die Baldur B. selbst gegründet hat. Sie diene dem Erhalt aussterbender Tierrassen, erläutert er – und räumt ein, dass gegen ihn in diesem Zusammenhang Ermittlungen der Polizei laufen.

Auch das berufliche Konzept des Lebensmodells bleibt für das Gericht trotz mehrfacher Nachfrage etwas nebulös. Er habe nach seinem Studium Immobilien bei Insolvenzversteigerungen erworben und so den Bewohnern die Möglichkeit eröffnet, in den Häusern wohnen zu bleiben, erklärt Baldur B. Das Kapital habe er aus seinem Freundeskreis und von Geschäftspartnern.

Nach einem regelrechten „Familienkrieg“ mit der Verwandtschaft sei allerdings das Leben aus den Fugen geraten. „Es gab Anfeindungen, Morddrohungen, Stalking“, schildert der Angeklagte. Mittlerweile lebe er wie auch seine Frau von Hartz IV, das Paar hat das Sorgerecht für fünf Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren.

Das sechste, Sieghild, erlebte all dies nicht mehr. „Wir hatten Sorge, ob die Eltern die Therapie weiterführen würden“, erinnert sich eine Ärztin des Klinikums Braunschweig, bei der das Kleinkind im September 2007 stationär auf die Behandlung eingestellt wurde. „Die Eltern meinten, Diabetes mit einer Rohkost-Therapie behandeln zu können – das habe ich in 26 Jahren noch nicht erlebt.“ Zwei Jahre später ist Sieghild B. tot.

Von Thomas Mitzlaff

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