Babytod: Gutachter bescheinigt 21-jähriger Angeklagten Entwicklungsstörung

Urteil nach Jugendstrafrecht?

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Uelzen/Lüneburg. In dem Gerichtsprozess gegen eine 21-jährige Auszubildende, in deren Uelzener Wohnung im November vergangenen Jahres die Leiche ihres toten Babys gefunden worden war (AZ berichtete), hat sich gestern die Jugendgerichtshilfe des Landkreises Uelzen für die Anwendung des Jugendstrafrecht ausgesprochen.

Nachdem die Angeklagte im Verlauf des Prozesses von einigen Zeugen als „unselbstständig, unreif und mädchenhaft“ beschrieben worden war, bestätigte Christian Rötschke, Sozialpädagoge der Jugendgerichtshilfe, in seinem Bericht, ein „geringes Selbstbewusstsein und eine verzögerte Reife“ nicht ausschließen zu können.

In der Biografie der Frau fänden sich mehrere Anhaltspunkte, die für eine Verzögerung der psychosozialen Entwicklung verantwortlich sein könnten. Durch den frühen Tod des Vaters und einer schweren Erkrankung der Mutter verbrachte die Tochter einige Zeit bei einer Pflegefamilie und wurde überwiegend von einer Tagesmutter betreut. „Weil sie als Zwölfjährige wieder nach Hause wollte, hatte sie versprochen, einen großen Teil der Verpflichtungen im Haushalt zu übernehmen, um die kranke Mutter zu unterstützen“, berichtete Rötschke der Jugendkammer aus Gesprächen mit der Angeklagten. Eine Überforderung, die Störungen in der Entwicklung hervorrufen könne. Die Mutter der Angeklagten habe ihren Kindern gegenüber stets betont, dass sie nur für sie wieder gesund werden wolle. „Damit wurde den Kindern eine nicht altersgemäße Verantwortung aufgebürdet.“ 2010 zog die Angeklagte zunächst ins Elternhaus ihres Freundes, dann mit dem Freund nach Uelzen, wo es zu dem Vorfall gekommen war.

Der Vorsitzende der Jugendkammer, Axel Knaack, will nun genau wissen, ob es sich um einen Unglücksfall gehandelt haben könnte. Auf Anregung des Verteidigers, Rechtsanwalt Volker König, bestellt die Kammer nun einen weiteren Rechtsmediziner als Sachverständigen: Professor Kampmann aus Göttingen soll den bisherigen Gutachter von der Rechtsmedizin Hamburg ablösen. Zusätzlich soll ein Spezialist für Geburtshilfe befragt werden. Um dem Rechtsmediziner einen authentischen Eindruck vom Tatort zu vermitteln, ergänzte Helmut Montag (Kripo Uelzen) den Spurensicherungsbericht mit seinen Beobachtungen.

Von Angelika Jansen

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