Die Kreide hat ausgedient

Unterricht im Computerzeitalter: In Holdenstedt arbeiten Lehrer und Schüler mit digitalen Tafeln

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Mathe-Stunde an der Grundschule in Holdenstedt. Unterrichtsstoff? Geometrie. Mit Hilfe der digitalen Tafel lassen sich geometrische Formen mühelos zeichnen.

Uelzen-Holdenstedt. Die Kreide hat ausgedient. Das macht es für Mia einfacher. Die Blicke der Schulkameraden ruhen auf ihr. Sie hat ein Parallelogramm zu zeichnen. Den Stiftrohling mit einer Gummi-Noppe führt die Viertklässlerin von einem Punkt zum nächsten.

Die Linien wachsen schnurgerade. Dass sie den Rohling nicht immer völlig ruhig halten kann, ändert daran nichts. Nach wenigen Sekunden ist es vollbracht, noch einmal der Kontrollblick von Mia, anerkennendes Nicken von den Mitschülern. Mia hat die geometrische Figur mühelos zeichnen können. Später hat sie das Parallelogramm auf ein Arbeitsblatt zu übertragen. Dafür muss sie mit dem Geodreieck hantieren. Da war es an der digitalen Tafel leichter. Ein Kichern wegen krummer Linien hatte sie nicht zu beürchten.

Das Digitalzeitalter ist eingezogen in die Holdenstedter Grundschule. Die Lehrer unterrichten mit Hilfe von sogenannten Whiteboards. Über einen Beamer wird das Bild eines angeschlossenen Laptops auf eine weiße Tafel projiziert. Gleichzeitig erkennt die Anlage über Kamera-Systeme auch Bewegungen, und je nach gewähltem Programm werden diese in Schrift oder Linien umgesetzt. So entstehen, scheinbar wie von Zauberhand, Buchstaben oder Formen an der Tafel ohne das unsägliche Quietschen der Kreide. Bei hochmodernen Anlagen, wie sie auch in der Holdenstedter Bildungseinrichtung zu finden sind, genügt es bereits, den Finger über die digitale Tafel zu führen.

Eva Bernsdorff-Harneit ist von der neuen Technik angetan. Für die neuen Tafeln im Unterricht machte sie sich stark; „Das war mein Ding“, sagt die Leiterin der Holdenstedter Grundschule. Finanziert werden konnten die bisher drei angeschafften Tafeln mit Hilfe des Elternvereins der Grundschule und durch Spenden. Bis zu 4500 Euro kostet eine solche Anlage. Bernsdorff-Harneit verrät: Das Geld für eine vierte Tafel ist bereits zusammengetragen worden, damit für jede Jahrgangsstufe ein Whiteboard zur Verfügung steht. Wieder habe der Elternverein geholfen.

Die Kinder in Mias Klasse sind neun oder zehn Jahre alt. Jedes zweite besitzt bereits ein Handy. Bei der Frage, wer einen Computer nutzt, schnellen alle Hände hoch. Das Videoclip-Portal Youtube gefällt den Kindern. Der beste Film wird gesucht. Und Computerspiele seien toll – „manchmal nutze ich ihn auch zum Lernen“, meint der neunjährige Raik. Der Schulunterricht hat sich mit den digitalen Whiteboards der Lebenswirklichkeit der Kinder angenähert. Die Leiterin der Holdenstedter Grundschule sieht die Möglichkeiten, die sich durch die Technik ergeben: „Wir können alles projizieren, was auf einem Computer zu sehen ist. Interaktive Übungen ermöglichen es den Schülern, Dinge auseinander zu nehmen und zusammenzufügen.“ So könnten Sachverhalte sehr anschaulich vermittelt werden. Aber: Sie sei sich bewusst, dass die Gefahr bestehe, dass der Unterricht tafelzentrierter werden könne. „Vor allem in den unteren Klassen ist es wichtig, dass Schüler weniger mit bildhaften Darstellungen arbeiten, sondern mehr mit Realem agieren. Greifen heißt auch begreifen.“

So legt Eva Bernsdorff-Harneit Wert darauf, dass die vierte Klasse nicht nur geometrische Formen mit der digitalen Tafel skizziert. Sie verteilt Arbeitsblätter, auf denen Schüler weitere Parallelogramme zu zeichnen haben. Im Dialog werden die Eigenschaften erarbeitet. Die gleichlangen Seiten der geometrischen Figur liegen parallel gegenüber. Die Definition wird auf dem Arbeitsblatt niedergeschrieben. Schulunterricht, wie er auch vor 30 Jahren schon stattgefunden haben könnte.

Solche analogen Bausteine in den Unterricht einzubauen, ist nicht nur aus pädagogischer Sicht wichtig – „wenn die Technik nicht funktioniert, dann kann mir das die Stunde zerschießen“, sagt Bernsdorff-Harneit. Zu Beginn des Unterrichts nutzt sie einen Zollstock, um in das Thema geometrische Formen einzuführen. So überbrückt sie die Zeit, bis Computer und Beamer hochgefahren sind. Als sie am Ende der Stunde ankündigt, noch ein Youtube-Video zum Zeichnen von geometrischen Formen zeigen zu wollen, ist unter den Kindern die Freude groß. „Oh ja, Youtube“, rufen sie. Gebannt schauen sie sich den Film bis zum Ende an, als die Pausenglocke schon geschrillt hat.

Von Norman Reuter

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