Ein „unmöglicher Schüler“

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Wo heute Enten gefüttert werden, spielte Thomas Walther in den 50er-Jahren im See.

Ich glaube, diesen Pilz kann man essen!“ Aufregende Kindheitserlebnisse fangen gern mit diesem Satz an. Der junge Thomas Walther hatte ihn damals gesagt, als er und seine Freunde wie so oft auf dem Königsberg unterwegs waren, bevor der bebaut war.

„Wir sind da mit dem Fahrrad rumgegurkt und haben gespielt“, so Walther. Und die Burschen und Mädels hatten Hunger. Walther fand Pilze, und dann sagte er diesen Satz, dass man den essen könne. Der Pilz war ein Krempling. Und man kann ihn nicht essen. „Das gab dann eine Katastrophe zu Hause in der Mittagszeit“, sagt Walther lachend. Seine Mutter brachte ihn schließlich ins St- Viti-Krankenhaus.

Walther, geboren 1943 in Erfurt, hat seine Kindheit und Jugend in der Uhlenköperstadt verlebt. Hier ging er zur Schule, hier wurde er konfirmiert. Ein „gewichtiger Lokalpolitiker“, kann sich Walther noch erinnern, sei bei der Feier zu seiner „Goldenen Konfirmation“ in Uelzen dabeigewesen. 2008 war das, aber an den Namen des Gewichtigen kann er sich nicht mehr erinnern.

Umso besser kann er sich erinnern an sein Uelzen von damals. Etwa daran, dass er „aus disziplinarischen Gründen“ von der Herzog-Ernst-Schule geflogen war. „Weil ich ein unmöglicher Schüler war“, erklärt er etwas verschämt. Sein Fleiß sei wesentlich weniger ausgeprägt gewesen als sein heutiger Fleiß, was die Arbeit angeht. Vorher war er in „der Grundschule in der Taubenstraße“, so Walther, er meint die heutige Lucas-Backmeister-Schule. Er denkt zurück, an den Mathelehrer Walpert, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Viel lieber als zur Schule zu gehen, trieb sich Walther aber an den Sportanlagen am Fischerhof herum, trainierte Leichtathletik.

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Seine Familie – beide Ärzte, die Mutter eine geborene Schlepegrell – wohnte in der Gudesstraße 56, dort, wo später das Inselhotel entstand, zwischen Ratsteich und Ilmenau. „Aus meinem Zimmer konnte ich direkt in die Ilmenau spucken“, erinnert er sich, „das war eine unbeschwerte, schöne Jugend und Kindheit“, sagt er.

Hier ist Walther mit 17 Jahren zu sehen.

„Woran ich furchtbar gern zurückdenke, sind manche Menschen von damals“, sagt Walther, er erwähnt einige Namen, von zum Teil heute verstorbenen Kumpels, die in Uelzener Vereinen und Gewerkschaften lange aktiv waren. Thomas Walther gerät ins Plaudern, er lobt den Hundertwasser-Bahnhof, den er wunderschön findet. Er erzählt vom Pastor Mund, der sich während des Konfirmandenunterrichts auch mal zu einer politischen Äußerung verstieg. Er erzählt, dass sein Vater ihm damals mehrere Jobs vermittelte, damit er nicht die aus Vatersicht dämliche Idee, Seemann zu werden, umsetzte. Dass er Glaswolle in Wände stopfte und tagelang noch alles juckte, dass er als Baustellen-Helfer an der Fassade des Wichern-Hauses die Fugen mit Salzsäuren-Lösung ausgebürstet hat („Wenn die heute noch schön aussehen, ist das mein Verdienst“). Und er erzählt von der ersten und zweiten Liebe, erinnert sich an Gesine und Monika. Mit Monika hat er so lange auf der Parkbank im Stadtwald verbracht, dass er das Abendessen verpasste und die Eltern sauer waren. „Ich habe ihnen gesagt, ich würde es immer wieder tun“, sagt Walther. Er mochte Monika.

Die Liebe – zu einer anderen Frau – brachte ihn schließlich auch in den Süden Deutschlands. Seine erste Frau heiratete er noch in Uelzen. Aber sie kam aus dem Allgäu, schließlich blieb er dort, er wurde Anwalt.

Viele Jahre seiner Berufszeit benutzte Walther einen Füllfederhalter mit schimmernder Oberfläche und vergoldeter Feder. Seit 1982 benutzte er ihn, seit dem Tod seines Vaters Rudolf. Der hatte ihn geschenkt bekommen von einer jüdischen Familie, weil sie sich während der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 bei Rudolf Walther in Erfurt hatte verstecken können.

Von Kai Hasse

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