Die unendliche Verhandlung

Seit knapp einem Jahr verhandelt die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Hendrik Vester (M.) den Methadonfall. Archivfoto: Behns

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Was sie bis Ende 2011 dienstags für einen Termin haben, das wissen die neun Männer und Frauen, die sich diese Woche zum 35. Mal im Landgericht Lüneburg einfanden, ganz genau. Sie werden im Prozess sitzen gegen einen ehemaligen Uelzener Allgemeinmediziner – so wie sie es schon seit September 2009 regelmäßig tun.

Es ist einer der größten Methadon-Prozesse in der deutschen Justizgeschichte, es ist ein Verfahren, das die Justiz an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringt und das manchem Beteiligten längst nicht mehr zuzumuten ist.

Etwa den zwei ehrenamtlichen Schöffen und dem vorsorglich bestellten Ersatzschöffen, die eigentlich ganz anderen Tätigkeiten nachgehen und mit dem Gericht nur zu tun haben, wenn sie für Verhandlungen ausgesucht werden. Auf sie fiel die Wahl für den Prozess gegen den Uelzener Arzt, sie saßen an der Seite der drei Berufsrichter, als die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Hendrik Vester am 1. September 2009 erstmals gegen den 42-jährigen Mediziner verhandelte.

Der Richter ist eigentlich längst in der Abteilung für Zivilrecht tätig, die Medien haben sich längst abgewandt von dem Mammutprozess, die 2. Große Strafkammer gibt es eigentlich in dieser Zusammensetzung gar nicht mehr – und ein Ende ist nicht absehbar. 35 Prozesstage gab es bereits, 62 weitere sind bis Dezember 2011 angesetzt.

951 Fälle von unerlaubter Abgabe und Handel mit der Ersatzdroge Methadon im Zeitraum Januar 2004 bis Mai 2006 wirft die Anklage dem Uelzener Allgemeinmediziner vor. Die Strafkammer hatte dem 42-Jährigen in der ersten Prozessphase den Vorschlag unterbreitet, dass er im Falle eines Geständnisses eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als zwei Jahren auf Bewährung erhalten könne. Dazu käme ein Berufsverbot von drei Jahren, das sich aber nur auf seine Arbeit mit Methadon-Patienten beziehe. Der Arzt, der schon Monate in Untersuchungshaft saß, lehnte ab. Und einen Versuch der Kammer, rund 100 der bereits verhandelten 951 Taten durch einen Beschluss abzutrennen und dafür ein Urteil zu sprechen, wehrte die Verteidigung mit einer erfolgreichen Beschwerde vor dem Oberlandesgericht Celle ab.

Nicht gerade erleichtert wird die Wahrheitsfindung in dem Mammutprozess auch angesichts der Klientel, die Licht ins Dunkel der Methadon-Praktiken bringen soll. Manche damalige Patienten sind noch immer drogenabhängig, einige erscheinen gar nicht. Ein anderer kommt in zwei verschiedenen Schuhen und verbreitet Alkoholdunst im Saal. Eine Flasche Korn habe er heute schon getrunken, räumt der Uelzener auf Nachfrage des Richters ein, zwei Flaschen täglich seien sein Schnitt – eine Befragung hat sich angesichts des zu erahnenden Promillewertes erledigt.

Angenehmer ist es da schon, wenn wie in dieser Woche ein Chefarzt auf dem Zeugenstuhl sitzt. Die Verteidigung hat Professor Dr. Friedrich Lübbecke aus dem Uelzener Klinikum ins Spiel gebracht. Es geht um die Frage, ob der Angeklagte seinen Patienten wirklich Methadon mit nach Hause geben musste, weil diese sonst in eine Notlage gekommen wären, etwa wenn der Arzt ein langes Wochenende nicht erreichbar war. Wenn jemand ins Klinikum komme, weil er Methadon brauche, dann sei das kein medizinischer Notfall, in dem Leib und Leben bedroht seien, sagt Lübbecke. Das sei dann ein Fall für den behandelnden Arzt.

Und wenn der Patient durch Entzugserscheinungen derart außer Kontrolle ist, dass er nicht mal mehr seine Wohnung verlassen kann? Dann sei das ein Fall für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder in Extremfällen für den Notarzt, antwortet Lübbecke. Doch für die Verteidigung bleiben auch nach diesen Antworten Fragen offen. Darf der Notdienst Ersatzdrogen verabreichen, kann er wirklich effektiv helfen? Auch der nächste geladene Zeuge, ein Patient, trägt nicht wirklich zur Aufklärung bei – denn er ist gar nicht erst gekommen. Jetzt soll er von der Polizei ins Gericht gebracht werden - an einem der nächsten Dienstage, von denen noch so viele auf dem Terminzettel stehen bis Dezember 2011.

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