Über die Probleme mit der Rückkehr des Raubtiers

Umweltminister Stefan Wenzel im AZ-Interview: Der Wolf polarisiert

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In Südergellersen hörte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel dem Schäfer Gerd Jahnke zu, dessen Tiere bereits viermal binnen kurzer Zeit Ziel von Wolfsangriffen wurden.

Nach den Wolfsrissen in einer Damwild-Herde in Brockhimbergen nimmt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel exklusiv im Interview mit AZ-Redakteurin Ines Bräutigam Stellung zu den Aspekten Herdenschutz, Problemwölfe und Sicherheit der Menschen.

Sind Sie schon einmal einem Wolf in freier Wildbahn begegnet?

Mittlerweile gehen wir in Niedersachsen von einem Bestand von rund 70 bis 80 Tieren aus. Von direkten Begegnungen mit dem Tier können bislang nur wenige Mitbürger berichten. Ich bin viel in Gebieten gewandert, in denen Wölfe oder gar Bären lebten, und ich habe dort auch abseits von Campingplätzen gezeltet. In der Regel weichen die Tiere aus, bevor man sie sieht. Einmal habe ich einen Wolf vom Boot aus gesehen. In der Tat werden die Natur- und Wildniserfahrungen in unseren Breiten aber immer seltener. Damit lässt sich vermutlich auch ein Teil der kritischen Haltung zum Wolf erklären.

Kindergärten streichen ihre Waldtage, Wölfe am Rand von Ortschaften verängstigen die Menschen. Und das Umweltministerium erweckt den Eindruck, nur zu beschwichtigen. Wie wollen Sie das wieder einfangen?

Nach über 100 Jahren Abwesenheit des Wildtieres ist es verständlich, dass Kenntnisse im Umgang mit dem Wolf fehlen. Auch unser Ministerium weist immer wieder darauf hin: Entscheidend ist das richtige Verhalten. Annäherungen an Wölfe sollten unterbleiben; auch sollte man sich nicht zu Film- und Fotozwecken nähern. Fütterungen sind strengstens verboten. Nutztiere müssen sicher eingezäunt sein. Dass die neuen Erfahrungen mit Wolfsereignissen an den jeweils konkreten Orten auch neue Fragen und Befürchtungen aufwerfen, ist verständlich. Deshalb wollen wir noch intensiver informieren und beraten. Bei allen Maßnahmen des Wolfsmanagements steht die Sicherheit der Menschen an erster Stelle.

Wann ist aus Sicht des Ministeriums der Status eines sogenannten „Problemwolfs“ erreicht? Wie bewerten Sie diesbezüglich die Situation in Brockhimbergen?

Im Frühjahr haben wir die Entnahme des Wolfs MT 6 angeordnet, nachdem festgestellt wurde, dass bei dem Tier eine zu geringe Scheu vor der Nähe von Menschen vorlag und alle milderen Mittel ausgeschöpft waren. In Brockhimbergen gibt es eine andere Lage. Dort geht es im Schwerpunkt um Herdenschutz; offenbar hatten wir dort einen Zaun, der noch nicht allen Anforderungen an eine wolfssichere Umzäunung entsprach. Über die weiteren Maßnahmen werden wir auch zeitnah den Landrat und vor dem Kreisausschuss unterrichten.

Die AZ hat drei voneinander unabhängige Versicherungen, dass Sie erklärten, Ihre Wähler säßen in der Stadt und nicht auf dem Lande. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund Ihre Glaubwürdigkeit ein?

Diese Nachricht ist nicht richtig. Die AZ hat nicht mich zitiert, sondern eine Behauptung eines Besuchers auf meinem Treffen mit den Nutztierhaltern kürzlich in Visselhövede. Richtig ist, dass ich in dem betreffenden Gespräch auf die Notwendigkeit von rechtssicheren Entscheidungen hingewiesen habe, weil es immer sein kann, dass Entscheidungen auch vor Gericht überprüft werden.

Ideologisch geprägte Wolfsromantik auf der einen, die Realität vor Ort auf der anderen Seite – ist dieser Spagat für einen grünen Minister zu schaffen?

Mein Amtsvorgänger von der FDP hat seinerzeit den Wolf willkommen geheißen, und davon gesprochen, dass es nur „liebe Wölfe“ geben wird. Das war in der Tat romantisch und eben auch völlig falsch. Der Wolf polarisiert. Es gibt sowohl eine geradezu glühende Begeisterung für das Tier in allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen als auch eine zum Teil sogar aggressive Ablehnung, bis hin zur Forderung nach erneuter Ausrottung. Beides ist nicht hilfreich. Wir haben den klaren gesetzlichen Auftrag durch den nationalen und internationalen Schutzstatus des Tieres. Unser Anliegen ist es, für den Ausgleich zwischen den Interessen des Artenschutzes und den Interessen der Nutztierhalter und allen anderen in der Bevölkerung zu sorgen. Beim Wolf darf nicht verniedlicht, aber auch nicht dramatisiert werden. Genau so gehen auch die vielen ehrenamtlichen Wolfsberater in Niedersachsen an ihre nicht einfache Aufgabe heran.

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