Das Gesicht des Wochenmarktes

Uelzens Marktmeisterin sagt adieu

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Anjela Ille (l.) übergibt die Aufgabe des Marktmeisters an Ingo Wahrmann. Hier kassiert er die Standgebühren bei Martina Gehrdau.

Uelzen – Von den Händlern wird Anjela Ille als Marktmeisterin geschätzt. Seit 18 Jahren gehört sie zum Uelzener Wochenmarkt dazu. Nun übergibt Ille ihre Aufgabe in andere Hände.

Für die Marktstände müssen die Flächen frei sein. Ein Kleinwagen wird abgeschleppt.

Für einen Moment hängt der Kleinwagen frei in der Luft. Anjela Ille hat den Abschleppdienst zur Lüneburger Straße gerufen. In den nächsten Minuten werden die ersten Händler erwartet, die ihre Stände für den Wochenmarkt an der Straße aufbauen wollen. „Als Marktmeisterin muss ich dafür sorgen, dass das möglich ist“, sagt Ille. So ist es an den Markttagen, mittwochs und sonnabends, ihre erste Aufgabe ab 4 Uhr früh zu schauen, ob nicht der Abschleppdienst kommen muss. Diesmal muss er kommen.

Als der Abschlepper gegen 5 Uhr mit dem Kleinwagen im Gepäck wegfährt, lässt Ille ihren Blick durch die Marktstraßen schweifen. Seit 18 Jahren ist sie nun Marktmeisterin in Uelzen. Ille sagt: „Ich kenne hier jeden Stein.“ Sie hat nun beschlossen, dass die Aufgabe des Marktmeisters jemand anderes übernehmen soll.

Ille hat viel erlebt als Marktmeisterin. Sie erzählt bei einem Kaffee von einer Schlägerei unter Betrunkenen vor Jahren an der Rademacherstraße. „Plötzlich schrie einer: ,Ich habe eine Waffe‘“, schildert Ille. Der Mann zückt auch tatsächlich eine, ist aber wegen des Alkohols kaum noch in der Lage, sich auf den Beinen zu halten. Ille kann die Waffe an sich nehmen. „Eine Minute später habe ich nur noch gezittert“, erzählt Anjela Ille.

Die 47-Jährige kann viele Anekdoten erzählen. Eine handelt von einem Pärchen vor dem Töbing-Haus, das „ziemlich heiß bei der Sache war“. Ille legt ihm nahe, sich doch ein Bett für derlei Aktivitäten zu suchen. Gerade sonnabends, wenn die letzten Partygänger noch ihre Wege nach Hause suchen, während die Stände eingerichtet werden, sei es spannend, sagt die Marktmeisterin.

Ille ist gebürtige Hamburgerin. Als Kind hat sie auf Märkten in der Elbmetropole Obst geputzt, um sich ein wenig Geld für die begehrte Jeans zu verdienen. Daran erinnert sie sich, als sie sich für Stelle der Marktmeisterin bei der Stadt Uelzen bewirbt. In dieser Aufgabe ist sie nun seit fast zwei Jahrzehnten das Bindeglied zwischen den Marktbeschickern, der Stadt als Ausrichter und auch den Einzelhändlern an der Gudes-, Veerßer und Lüneburger Straße, wohin der Markt vom Platz neben dem Kreishaus 2008 zog.

Herzliche Begrüßung: Anjela Ille schaut beim Blumenhändler Christian Hoppe vorbei.

Christian Hoppe ist Blumenhändler in der zweiten Generation auf dem Wochenmarkt. Er sagt: „Markthändler sind Charaktere.“ Anjela Ille sei bei Fragen oder Problemen schon mal der Prellbock. Aber man schätze es, einen Ansprechpartner direkt vor Ort zu haben.

Etwa 45 Beschicker zählt der Wochenmarkt. Das Gros ist viele Jahre auf dem Markt vertreten – der Aufbau erfolge daher sehr eigenständig, sagt Ille. Dampf machen muss sie gelegentlich beim Abbau. Eine Stunde ist dafür vorgesehen, damit der Verkehr am Nachmittag wieder durch die Marktstraßen fließen kann. Aber Ille weiß die Händler zu nehmen, und das Verhältnis zu ihnen wirkt unkompliziert.

Die Marktmeisterin ruft Martina Gehrdau herbei, die seit 14 Jahren auf dem Wochenmarkt mit einem Obst- und Gemüsestand anzutreffen ist. Ille sagt über Gehrdau, dass sie immer gut gelaunt sei. „Sie hat das beste Lächeln auf dem Markt“, so Ille. Dann wird es doch noch mal ernst. Jeder Händler hat eine Standgebühr zu bezahlen. Heute fängt man bei Gehrdau an. Die Aufgabe übernimmt gleich schon mal der „Neue“: Ingo Wahrmann ist der künftige Marktmeister.

Wahrmann ist 29 Jahre alt, hat im Einzelhandel gelernt. Er ist damit frühes Aufstehen gewohnt, genauso auch das Arbeiten an Wochenenden. Wie Ille wird er an den Tagen, an denen kein Markt ist, als Mitarbeiter des Ordnungsamtes für die Parkscheinautomaten zuständig sein, sich mit Ermittlungssachen befassen. Von den Händlern sei er herzlich aufgenommen worden, berichtet Wahrmann. Zu seiner neuen Aufgabe sagt er: „Es fühlt sich richtig an.“

VON NORMAN REUTER

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