Hau(p)tsache Kunst

Uelzens Jabelmannhalle wurde Mekka der Tattoo-Begeisterten

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„Man hat ja das Ergebnis vor Augen...“: Auf dem Rücken von Aleksandra Stolpe entsteht in stundenlanger Arbeit ein Frauenportrait.

Uelzen. Ein dicker, dunkler Tropfen quillt aus Aleksandra Stolpes Rücken: Wundwasser, Blut, Farbe. Mit einer routinierten Handbewegung fängt Sören Pinkernelle die Flüssigkeit mit einem Tuch auf und setzt die Nadel wieder an. Seit sechs Stunden geht das nun schon so.

„Als wenn jemand die ganze Zeit die Haut mit dem Messer einreißen würde“, sagt Aleksandra Stolpe und seufzt. „Aber man hat ja das Ergebnis vor Augen.“ Ein Tattoo, genauer das Porträt einer Frau mit halb verdecktem Gesicht, das sich am Ende des Tages über ihren kompletten Rücken erstrecken soll.

In der Uelzener Jabelmannhalle liefen am Wochenende wieder die Nadeln heiß, denn auf der Tattoo-Convention brummt das Geschäft mit dem ewig währenden Körperschmuck. Wo die Stechmaschinen surren, stehen Tattoowillige Schlange. Aleksandra Stolpe – regungslos in Bauchlage auf einer Liege verharrend – beobachtet das Treiben schon seit einigen Stunden und gesteht: Mit erst dem zweiten Tattoo fühle sie sich hier noch eher als Teil einer Minderheit.

Harte Männer, keine Schmerzen: Frank "Tacker" Felder bearbeitet den Unterarm von Bernd Wiechert.

Ganz anders Bernd Wiechert. Für ihn sei das Tätowierenlassen wie Klamotten kaufen, gesteht der 52-Jährige, vielleicht sogar eine kleine Sucht. Die habe er dann aber seiner Frau zu verdanken, scherzt er munter, während Tätowierer Frank „Tacker“ Felder mit Vaseline seinen geröteten Unterarm behandelt, auf dem bereits die Umrisse eines mystisch anmutenden Schlangentiers erkennbar sind. Schmerzen? Bernd Wiechert schüttelt den Kopf, „Tacker“ sticht und plaudert: „Man massiert quasi vorsichtig die Farbe in die Haut“ – mit sieben Nadeln gleichzeitig und mehreren tausend Stichen pro Minute. „Man streichelt.“

Im Mekka der Haut-Punktiererei treffen Welten aufeinander: softer Gitarrensound von Eddie Guitar und das zahnarztbohrerähnliche Surren der Tattoo-Maschinen, Albrecht Dürers betende Hände und ein Wikingerkopf auf Wiecherts kräftigem Körper, düsterer Gothic-Stil, Anzug und Krawatte. Keine Frage: Das Tattoo bedient längst keine Nische mehr. Zu „Tacker“ kommen Ärzte, Anwälte, Krankenschwestern und Polizeibeamte. Er verdient sein Geld mit Bildern von Kinderhänden und -füßen, Haustieren und Fantasiewesen – als Künstler, wie er sagt. Einer, der es gewohnt ist, diesen Status ständig verteidigen zu müssen.

Als Hommage an seinen Job lässt sich Florian Bohlmann von Wilfried Gößele eine Windmühle auf den Oberarm stechen.

So auch sein Kollege Wilfried Gößele, der im Dreieck zwischen Friseurstand, veganer Mode und Bodypainting-Show eine Windmühle auf Florian Bohlmanns Schulter zeichnet. Der wiederum ist Monteur für Windkraftanlagen und Tattoo-Neuling, die Windmühle aus dem Internet und eine Hommage an seinen Job. Einen niedrigen dreistelligen Betrag ist ihm der zweieinhalbstündige Nervenkitzel Wert – wobei Freundin Leandra Müller sichtlich mitleidet.

Von Leid ist derweil bei Charline Kusserow keine Spur. Die zierliche 26-Jährige tippt Messages in ihr Smartphone, um sich die Langeweile zu vertreiben, während auf ihrem Rücken eine Blume erblüht. „Es war ganz spontan“, verrät die Soldatin. „Ich habe das Bild hier gesehen und mich direkt verliebt.“ Wieder einmal, denn es ist – Charline Kusserow hat noch einmal nachgezählt – das zehnte Werk auf ihrem Körper. Und vielleicht noch nicht das letzte.

Von Anna Petersen

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