Nicole Haase ist „Stadtinfluencerin“ und zugleich Ratskandidatin – das sorgt für Unmut

Uelzens ausgebremste Werbebotschafterin

Über das eingerichtete Instagram-Profil „Uelzen lokal“ soll Nicole Haase Bilder und Videos zu Uelzen hochladen. Bisher hat sie aber noch nichts veröffentlicht, das hängt mit ihrem politischen Engagement zusammen.
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Über das eingerichtete Instagram-Profil „Uelzen lokal“ soll Nicole Haase Bilder und Videos zu Uelzen hochladen. Bisher hat sie aber noch nichts veröffentlicht, das hängt mit ihrem politischen Engagement zusammen.
  • Norman Reuter
    VonNorman Reuter
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Die 19-jährige Nicole Haase wurde als erste Uelzener Stadtinfluencerin und damit zur Werbebotschafterin gekürt. Doch sie hat bisher kein einziges Foto zu Uelzen veröffentlicht. Das hängt mit der anstehenden Kommunalwahl zusammen. Es gibt Unmut.

Uelzen – Dem Norddeutschen Rundfunk war es einen Bericht wert. Der Süddeutschen Zeitung in ihrer Online-Ausgabe ebenfalls. Im Frühjahr wurde in der Hansestadt Uelzen, unter großem medialen Interesse, ein Stadtinfluencer oder eine Stadtinfluencerin gesucht. Das ist jemand, der im Internet über soziale Netzwerke Menschen und Geschäfte Uelzens vorstellt, der auf Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen hinweist – ein Werbebotschafter der Stadt. Die Wahl fiel auf Nicole Haase. Bis heute hat sie noch keinen einzigen Beitrag veröffentlicht. Das hat Gründe: die anstehende Kommunalwahl. Und: Unmut in den Reihen der Politik, was die Auswahl von Nicole Haase betrifft.

Nicole Haase ist 19 Jahre alt. Sie hat gerade ihr Abitur abgelegt, will Lehramt studieren. Mit Erfolg veröffentlicht sie bereits seit geraumer Zeit im sozialen Netzwerk „Instagram“ Bilder und Videos. „Das geht so in Richtung Reisen und Lifestyle“, sagt Nicole Haase. 21 600 Menschen folgen ihrem Profil bei Instagram, für Bilder erhält sie digitalen Applaus, bis 7000 Likes kann sie pro veröffentlichtem Bild nachweisen. Sie nennt das ein „Hobby“.

Fünf Bewerber melden sich

Für die Aufgabe des Stadtinfluencers bewirbt Haase sich, wie sie sagt, nachdem Freunde aus der Online-Szene ihr den Aufruf im Frühjahr zuschicken. Im Auswahlverfahren mit insgesamt fünf Kandidaten hat sie unter anderem ein Video zu Uelzen zu produzieren, eine Jury entscheidet sich am 10. Juni für sie. „Frau Haase hat durch ihre Performance die Jury überzeugt und folgerichtig die meisten Punkte erzielt“, erklärt Uwe Schwenke, Vorsitzender des verantwortlichen Uelzener Handelsvereins.

Doch statt eines Vertrages erhält sie alsbald nach dem Casting die Mitteilung, dass es mit dem Start so schnell nichts wird. Nicole Haase hat nicht nur „social media“ als Hobby, sondern auch die Politik.

Die Teenagerin kandidiert bei der anstehenden Kommunalwahl für die CDU für den Uelzener Stadtrat. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union Uelzen. Sie ist Vorsitzende des CDU-Ortsvereins Oldenstadt. Sie ist Landesvorsitzende der Schüler-Union Niedersachsen.

Sind ihre Funktionen und ihre Kandidatur für den Stadtrat vereinbar mit ihrer Aufgabe als Stadtinfluencerin? In Parteien werden nach dem Casting Zweifel artikuliert.

Jan Henner Putzier, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, berichtet gegenüber der AZ von „internen Gesprächen“. Er nennt die Besetzung „unglücklich“ – geht auf eine etwaige Kollision ein, dass, wer für die Stadt arbeite, nicht im Rat sitzen könne.

Judith Libuda, Geschäftsführerin des Kreisverbandes der Grünen, sagt, dass ihre Partei von der Auswahl überrascht worden sei. Man habe sich wie andere echauffiert. Es sei „nicht tragbar“, dass jemand, der politisch so aktiv sei, vor der Wahl eine Aufgabe bei der Stadt oder als Stadtinfluencerin übernehme. Allein schon von der Präsenz her – „das ist eine wahlbeeinflussende Geschichte“. Wie haben die Grünen reagiert? „Ich habe mich an den Bürgermeister gewandt“, sagt Judith Libuda.

Immerhin: Es ist der Facebook-Account der Hansestadt Uelzen, über den im Frühjahr ein Suchaufruf für den Stadtinfluencer veröffentlicht wird. Am Ende eines produzierten Videos wird unter den Worten „Ein Projekt von“ sowohl das Logo des Handelsvereins als auch des Stadtmarketings gezeigt.

Handelsverein will politisch neutral sein

Die Stadtverwaltung erklärt auf Anfrage, dass es sich bei dem „Stadtinfluencer“ um ein Projekt des Handelsvereins handele; das Stadtmarketing habe nur die Organisation des Auswahlprozesses begleitet – was noch von Bedeutung ist, wenn es um einen etwaigen Interessenkonflikt geht, dass ein Stadtbeschäftigter nicht gleichzeitig dem Rat als Kontrollorgan angehören kann. Laut Handelsverein läuft auch die Bezahlung über ihn – „im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung“, laut Medienberichten 450 Euro pro Monat.

Aber wenn der Handelsverein und nicht die Stadt oder das Stadtmarketing zuständig ist und damit kein Interessenskonflikt droht: Was war dann der ausschlaggebende Punkt, dass Haase zunächst keine Stadtinfluencerin ist? Aus den Ausführungen des Handelsvereins geht hervor, dass erst nach dem Casting bekannt geworden sein soll, dass sie für den Stadtrat kandidiere. Uwe Schwenke: „Für uns als Handelsverein war und ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir politisch neutral und unabhängig sind und bleiben. Damit hier gerade im Hinblick auf die Kommunalwahlen kein falscher Eindruck entsteht, haben wir entschieden, nach den Wahlen zu starten.“

Die CDU äußert sich auf Anfrage nur knapp zum Sachverhalt. Markus Hannemann, Vorsitzender des Uelzener Stadtverbandes, sagt, man wolle hier niemandem reinreden. Seitens der Partei gebe es keine Beurteilung. Andere im Stadtrat vertretene Fraktionen haben nach eigenem Bekunden – wie „WIR für Uelzen“ – bisher nichts von den Irritationen um die Auswahl mitbekommen oder aber kaum, wie die UWG. Ralf Munstermann von der UWG findet aber deutliche Worte. Er nennt es ein Unding, was Nicole Haase widerfahre. „Solange sie sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, solange es keine Einflussnahme gegeben hat, darf das nicht zu ihrem Nachteil werden.“

„Ich wollte das Beste für die Stadt“

Wie geht es nun weiter? Das hängt auch von den Wahlen ab. Judith Libuda findet, sollte Nicole Haase das Ratsmandat ergattern, müsse noch einmal darüber geredet werden. Der Handelsverein erklärt: „Wir wünschen uns einen Stadtinfluencer oder eine -influencerin, der oder die ihren Wohnsitz in Uelzen beziehungsweise im Landkreis hat und kein politisches Amt der Hansestadt ausübt.“

Nicole Haase sagt: Politik sei ein Hobby, ihr Influencer-Dasein ein anderes. Das könne sie trennen. Um nicht in irgendeinen Verdacht zu geraten, habe sie sich auch einverstanden erklärt, zunächst nicht als Stadtinfluencerin tätig zu sein. „Ich wollte keine Vorwürfe, ich wollte das Beste für die Stadt.“ Sie zeigt sich aber auch enttäuscht: Es sei stets der Ruf zu hören, junge Menschen sollten sich politisch engagieren. Wenn ihnen das zum Nachteil gereiche, könne sie verstehen, warum sich junge Menschen dagegen entscheiden würden.

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