Uelzener Schülerin wird vor 25 Jahren getötet und ihr Leichnam zerstückelt

Der Fall Yasmin Stieler: Die Frage nach dem „Warum“ bleibt

Rosemarie Schäfer hat noch Hoffnung, dass das Verbrechen an ihrer Tochter Yasmin aufgeklärt wird.
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Rosemarie Schäfer hat noch Hoffnung, dass das Verbrechen an ihrer Tochter Yasmin aufgeklärt wird.
  • Norman Reuter
    VonNorman Reuter
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Es ist ein grausames Verbrechen. Im Oktober 1996 wird die 18-jährige Uelzenerin Yasmin Stieler getötet und ihr Körper zerstückelt. Dreimal muss ihre Mutter, Rosemarie Schäfer, ans Grab treten, weil immer wieder neue Leichenteile entdeckt werden. Der Fall gilt bis heute als ungeklärt. Die Mutter will keine Ruhe geben, bis ein Täter ermittelt ist.

Uelzen ‒ Eines hat sich in all den Jahren nie verändert: „Ich denke täglich an Yasmin“, sagt Rosemarie Schäfer der AZ. Aus der Geldbörse zieht sie ein Bild, das ihre Tochter zeigt, die einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Von einer Fahrt am Abend des 5. Oktober 1996 zur Braunschweiger Diskothek „Atlantis“ kehrt die 18-jährige Schülerin des Uelzener Lessing-Gymnasiums nie zurück.

Wenige Tage später die traurige Gewissheit: Yasmin Stieler wurde getötet und ihr Körper zerstückelt. Bei Vechelde wird der Torso der Teenagerin in einem Müllsack entdeckt. Das alles jährt sich nun zum 25. Mal.

Rosemarie Schäfer begleiten bis heute nicht nur die Gedanken an ihre Tochter. Die 66-Jährige treibt auch um: Der Fall gilt bisher als ungeklärt. Jüngst hat „Bild TV“ den Fall in einem Beitrag in der Sendung „Achtung Fahndung“ beleuchtet, darin kommt auch Rosemarie Schäfer zu Wort, sagt an den Täter gerichtet: „Ich werde keine Ruhe geben.“

Sie habe noch immer die Hoffnung, dass der Täter sich stelle, oder aber die Polizei Erfolg habe. „Ich will die Menschen auch noch einmal sensibilisieren für Yasmins Schicksal“, begründet Schäfer, warum sie sich vor Kameras stellt, das Gespräch mit der Presse sucht.

Keine aktuellen Ermittlungen

Nach Auskunft der zuständigen Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es zurzeit keine Ermittlungen in dem Fall von Yasmin Stieler. Der Erste Staatsanwalt Christian Wolters: „Sollten sich allerdings neue Hinweise auf einen Tatverdächtigen ergeben, könnten diese Ermittlungen jederzeit wieder aufgenommen werden.“

Die AZ erfuhr, dass immerhin eine Ermittlungsgruppe bei der Braunschweiger Polizei mit dem Namen „Cold Cases“, die sich um alte und ungeklärte Fälle kümmert, die Akten anforderte, auch Gespräche mit früheren Ermittlern führte.

Im Beitrag von „Achtung Fahndung“ erklärt Wolters, dass noch offen sei, was aus der Kleidung der Teenagerin wurde – darunter ein auffälliges Oberteil mit Kuhfellmuster. Auch die genaue Route, die Yasmin Stieler nahm, sei nicht geklärt. Hinweise könnten helfen.

Bis heute fehlen auch noch Yasmin Stielers Hände. Nach dem Fund des Torsos werden wenig später ihre Beine in einem Gewässer entdeckt, ein Dreivierteljahr später auch ihr Kopf im Hämelerwald. Dreimal muss Rosemarie Schäfer an das Grab treten, immer dann, wenn wieder neue Leichenteile entdeckt werden. Das Vorgehen des Täters, es belastet sie bis heute: „Diese Nerven zu haben, einen Körper zu zerteilen“, sagt sie.

Bei einer Plakataktion wird der Täter direkt angesprochen. Die fehlenden Hände Yasmins werden thematisiert, und es wird die Frage gestellt: „Können Sie damit leben?“

Die Polizei geht seinerzeit ungewöhnliche Wege, um den Fall aufzuklären. Es kommt zu einer großen Plakataktion, bei der der Täter direkt angesprochen wird: „Der Torso in Vechelde; der Kopf im Hämelerwald; die Beine in Hannover; die Hände... ? Können Sie damit leben?“ ist darauf zu lesen. Auch ein Massen-Speicheltest erfolgt – ohne das erhoffte Ergebnis.

Verdächtige gibt es. Ein Schlachter gerät ins Visier der Fahnder. Staatsanwalt Christian Wolters wird bei „Achtung Fahndung“ damit zitiert, dass dieser als Täter nicht in Betracht kommt.

Zwölf Jahre später, 2008, steht ein Lkw-Fahrer im Fokus. Ein Spaten mit Erdanhaftungen, die zum Fundort des Torsos passen, gilt als Belastungsmaterial. Der Mann wird in Untersuchungshaft genommen. Zum Prozess kommt es aber nicht. Denn Richtern reichen die Indizien nicht.

Es bleibt die Frage nach dem „Warum“

Sollte es heute zu neuen Erkenntnissen kommen, ist nicht sicher, ob es überhaupt noch zu einer Verteilung käme. Staatsanwalt Christian Wolters: „Bislang steht lediglich fest, dass Yasmin Stieler erwürgt oder erdrosselt worden ist. Das für sich genommen, erfüllt nur den Tatbestand des Totschlags.“ Der verjährt nach 20 Jahren, die inzwischen vergangen sind. Sollte aber der Täter, so Wolters weiter, die Teenagerin arglos von hinten erdrosselt oder aus niedrigen Beweggründen oder zur Befriedigung des Geschlechtstriebs gehandelt haben, dann läge ein Mord vor, der nie verjähre.

Auf dem Kreuz auf Yasmin Stielers Grab war das Wort „Warum“ zu lesen. „Das will ich auch heute noch wissen“, sagt Rosemarie Schäfer. „Der, der verantwortlich ist, dem will ich in die Augen schauen, und er soll mir sagen: warum.“

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