Zweite Chance für Jugendliche

Uelzener Projekt gegen Schulschwänzer kämpft mit Corona

Hilfe für Schulschwänzer bei der „2. Chance Plus“ (von links): Claudia Franke, Swantje Traoré, Rita Brinkhues, Pietro Papa.
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Hilfe für Schulschwänzer bei der „2. Chance Plus“ (von links): Claudia Franke, Swantje Traoré, Rita Brinkhues, Pietro Papa.

Uelzen – Sie sind zu viert in den großen Besprechungsraum gekommen. Das Fenster bleibt geöffnet und durchlüftet den Raum. Denn im Haus des Jugendmigrationsdienstes (JMD) an der Luisenstraße hat auch die „2. Chance Plus“ ihren Sitz.

Vier Sozialpädagogen teilen sich zwei volle Stellen. Sie und zehn Honorarkräfte sind im Einsatz, Schülern, die dem Unterricht fernbleiben, wieder in die Spur zu verhelfen. In Corona-Zeiten ein besonders schwieriger Job.

„Wir arbeiten für die Schüler und sind nicht vom Amt“, sagt Swantje Traoré über das Selbstverständnis der „2. Chance Plus“. Aber selbstverständlich halten die Pädagogen den Kontakt zu Schulsozialarbeitern, Lehrern, zum Schulträger Landkreis, zum Jugendamt oder auch schon mal zum Jugendgericht. „Es wird von Gerichten oder der Schule wohlwollend zur Kenntnis genommen, wenn sich die Kinder und Jugendlichen an uns wenden“, sagt Traoré. Denn oberstes Gebot ist die Freiwilligkeit. Unabhängig davon, ob das Fernbleiben von der Schule gerade erst begonnen hat – oder die Schüler schon eine Karriere im Schulschwänzen hingelegt haben.

Vielschichtige Gründe fürs Schulschwänzen

Dabei sind die Gründe für das Schulschwänzen vielschichtig: Vielfältige familiäre Probleme, traumatische Erlebnisse, Mobbing durch Lehrer und Mitschüler, Angststörungen und Überforderung zählen Pietro Papa und Claudia Franke auf. Aufsuchende Sozialarbeit sei das, wenn man schon morgens mal bei einem Schüler vor der Haustür steht, anruft oder ihn auch in den Unterricht begleitet. Bis es soweit ist, muss in Gesprächen mit Eltern und Schüler freilich häufig erst Misstrauen abgebaut werden, das den Pädagogen oft begegnet.

In der Bundesrepublik sind Jugendliche zwölf Jahre lang schulpflichtig, auch wenn sie das 18. Lebensjahr bereits erreicht haben. Bei Unterrichtsversäumnissen gibt es Bußgelder oder die Verpflichtung zu Sozialstunden. Werden die auch nicht abgeleistet, droht sogar Arrest. Projektträger der „2. Chance Plus“ ist der Landkreis Uelzen. Durchgeführt werden die Maßnahmen vom CJD Göddenstedt. So hat die „2. Chance“ Außenstellen in Bad Bodenteich und in Rosche. Der Fördertopf indes öffnet sich weit entfernt – in Brüssel. Die Mittel fließen aus dem Europäischen Sozialfonds über zwei Bundesministerien.

Der neue, dreieinhalbjährige Projektzeitraum läuft noch bis Juni 2022. Bis dahin sollten laut Plan 240 Schüler erreicht werden. Doch daraus wird wohl nichts. Denn Corona hat die Arbeit der Sozialpädagogen deutlich erschwert. Zwar verteilen sie schon mal die Schulaufgaben im Landkreis oder setzen auf Online-Initiativen und -Feedback. Aber die Oberschulen und Berufsbildenden Schulen, mit denen man zusammenarbeite, hätten zur Zeit noch ganz andere Sorgen, als besonderes Augenmerk auf den Schulabsentismus zu legen. „Das ist auch keine böse Absicht“, sagt Traoré – und hat Verständnis dafür, wenn die Schulen zurzeit vor allem mit Corona-Verordnungen und Hygiene-Maßnahmen kämpfen.

Persönlicher Kontakt wird erschwert

Der Aufbau einer persönlichen Beziehung zwischen den Pädagogen und den Schülern werde aber erschwert. „So läuft viel über Telefonate“, sagt Traoré. Die Bedürfnisse und Fälle seien schließlich sehr individuell, sagt Rita Brinkhues. Und Traoré ergänzt: „Wir haben es nicht mit Schülern zu tun, die gut ausgestattet sind, sondern oft aus prekären Verhältnissen stammen.“ So werfen die Pädagogen Schülern ohne Drucker in Corona-Zeiten die Hausaufgaben schon mal in den Briefkasten. „Das große Ziel bleibt ja der Schulabschluss“, betont Traoré. Da beginne man „sehr kleinschrittig“ und damit, dass die Schüler einfach wieder Termine einhielten.

„Es gibt Leute, die die Kurve kriegen“, betonen die Sozialpädagogen. Eine junge Frau, die bereits den Hauptschulabschluss hatte, konnte in ein Langzeitpraktikum vermittelt werden. Das Schreiben von Bewerbungen, bei denen sie unterstützt wurde, und Vorstellungsgespräche kamen erfolgreich dazu. „Leider sind die Fälle nicht so häufig, wie wir uns das wünschen“, räumen die Vier von der „2. Chance Plus“ ein. „Wir hoffen alle, dass Corona bald besiegt ist.“ Dann gibt es neue Möglichkeiten. (Von Christian Holzgreve)

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