Betriebe müssen jede Woche Körbe verteilen / Netzwerk plant Sternfahrt

Uelzener Pflege verstärkt unter Druck

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Blutdruck messen oder Senioren waschen – das wird zunehmend schwieriger. Die Zahl der älteren Menschen steigt und der Branche fehlen die Fachkräfte.

Uelzen/Landkreis – Pflegekräfte im Landkreis Uelzen machen wieder mobil. Kommende Woche werden sie zu einer Sternfahrt durch Stadt und Landkreis starten, in der Uelzener Innenstadt werden sie zudem über die Situation in der Pflege informieren.

Diese ist alles andere als gut – das ist der Grund für die Pflegekräfte, einmal mehr aktiv zu werden.

Benjamin Gießel vom Pflegedienst Medikom und Mitglied im Uelzener Pflegenetzwerk, das die Aktion plant, berichtet von einer Erhebung, wonach inzwischen ein- bis zweimal die Woche Pflegedienste aus dem Kreis Menschen einen Korb geben müssen, die für sich oder andere ambulante Pflegeleistungen in Anspruch nehmen wollen. „Pflege ist nicht mehr so einfach wie früher“, sagt Gießel im AZ-Gespräch.

Die Sternfahrt am Mittwoch, 29. Mai, soll den Menschen im Landkreis ins Bewusstsein rufen, dass der Pflegenotstand längst die Region erreicht hat. „Gleichzeitig wollen wir aufklären“, so Rüdiger Schlechter, der beim Uelzener DRK für die Altenpflege zuständig ist. An der Kreuzung am Alten Rathaus ist ab 11 Uhr ein Informationsstand an dem Mittwoch geplant. Denn die Gründe für die Lage sind, wie Schlechter schildert, vielfältig.

Der demografische Wandel schlägt zu: „Wir haben mehr Anfragen für Pflegeleistungen als vor einem Jahr“, so Schlechter. Indes ist es für Pflegebetriebe schwieriger geworden, Mitarbeiter zu finden oder zu halten. Und der längst beschrittene Weg, Kräfte aus dem Ausland zu akquirieren, sei mitunter steinig. Katrin China vom Pflegeheim Meilerhaus in Uelzen berichtet davon, wie langwierig die Verfahren sind. „Für Visa-Termine in deutschen Botschaften warten Kräfte bis zu einem Jahr“, sagt China.

Wie Gießel, Schlechter und China schildern, wird der Pflege durch Reformen der Politik und durch eine mangelnde finanzielle Ausstattung durch die Pflege- und Krankenkassen weiterer Atem zum Leben genommen. Bei kleineren Pflegebetrieben stünde damit die Existenzfrage im Raum, sagt Schlechter.

Das Uelzener Pflegenetzwerk, in dem sich unter anderem die stationäre und ambulante Pflege, Pflegeschulen, die Klinik und die Agentur für Arbeit engagieren, hofft, mit der Aktion möglichst viele Bürger und Politiker zu erreichen, damit diese beispielsweise an die Pflege- und Krankenkassen herantreten. „Wir sind nur jene, die die Pflege ausführen“, so Schlechter. Auch die Politik sei gefragt, und zwar auf kommunaler Ebene. Das Pflegenetzwerk hat jüngst eine Resolution verfasst. In der heißt es: „In der (Kreis-) Politik wird Pflege als eher untergeordnetes Thema angesehen, dabei ist es Aufgabe der Lokalpolitik, für Daseinsvorsorge zu sorgen. Die lokale Politik muss sich dafür einsetzen, dass Landesmittel für die Anwerbung von ausländischen Fachkräften nach Uelzen gelangen; bisher machen dieses einige wenige Pflegeunternehmen auf eigene Kosten.“

VON NORMAN REUTER

Kommentar: Pflegenotstand trifft uns alle

Man mag jung sein, nicht in der Pflege arbeiten – und deshalb am Mittwoch nächster Woche womöglich den Autokorso und den Infostand mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Doch mehr Weitsicht wäre angebracht. Denn es wird der Tag kommen, an dem man selbst auf eine Pflege angewiesen ist. Und wie die Pflegebetriebe glaubhaft erklären, wird es dann noch weit schwieriger sein, Hilfen zu bekommen, wenn sich nicht doch noch etwas grundlegend ändert. Die Branche steht dafür nun auf – informiert und protestiert. Pflegekräfte gehen auf die Straße. Das Uelzener Pflegenetzwerk, in dem sich Betriebe und Pflegeschulen engagieren, ist rührig – inzwischen zum dritten Mal wird jetzt eine Aktion geplant, damit es in den Köpfen ankommt: Morgen bist du derjenige, der unter dem Pflegenotstand leiden wird, also überlass es doch nicht nur den anderen, sich zu kümmern. nre

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