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Uelzener Kinderärztin schlägt Alarm: „Es ist längst fünf nach zwölf!“

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Von: Lars Becker

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Eltern müssen in den Praxen von Kinder- und Jugendärzten im Landkreis viel Zeit einplanen. Die Mediziner wiederum bitten darum, trotzdem mit dem Personal freundlich umzugehen – die Arbeit stößt ans Limit.
Eltern müssen in den Praxen von Kinder- und Jugendärzten im Landkreis viel Zeit einplanen. Die Mediziner wiederum bitten darum, trotzdem mit dem Personal freundlich umzugehen – die Arbeit stößt ans Limit. © Lars Berg / Imago Images

„Bisher haben wir nicht gestreikt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, aber jetzt reicht es! Momentan sind es wenige Kinder, die nicht rechtzeitig versorgt werden. Zukünftig wird diese Zahl ansteigen und Kinder versterben, wenn nicht jetzt gehandelt wird.“ Kinder- und Jugendärztin Dr. Ulrike Ramachers aus Uelzen nimmt in einem Brief an die Landesregierung kein Blatt vor den Mund.

Uelzen/Landkreis – Dr. Ulrike Ramachers, Kinder- und Jugendärztin aus Uelzen, fordert die niedersächsische Landesregierung auf, dringend Lösungsansätze zu entwickeln, um die Situation in den Kinderarztpraxen zu verbessern. Die 53-Jährige hat einen Brief an Gesundheitsministerin Daniela Behrens verfasst, in dem sie eindrucksvoll schildert, dass der Praxisalltag überall „am Limit“ stehe. Ministerpräsident Stephan Weil und Kultusministerin Julia Willie Hamburg hat sie ihr Schreiben ebenfalls zukommen lassen.

Im AZ-Gespräch betont Ramachers, die seit zehn Jahren mit Martin Neugebohren in einer Berufsausübungsgemeinschaft an der Veerßer Straße tätig ist: „Wir haben einen Sitz, den wir uns teilen. Normalerweise würde jeder von uns 50 Prozent arbeiten, aber seit Monaten arbeiten wir zwischen 75 und 100 Prozent. Jeden Morgen sind wir zu zweit. Die Vormittagssprechstunde dauert von 8 bis 16 Uhr, ab 15 Uhr kommen Besucher zur Nachmittagssprechstunde. Oft geht es nonstop bis 20 und 21 Uhr – auch für unsere medizinischen Fachangestellten. Das hält niemand durch.“

Täglich bis zu 130 junge Patienten in der Praxis

Die Mitarbeiter erführen zudem „zunehmend Beschimpfungen, weil sie nach unserer Maßgabe den Patientenstrom eindämmen müssen, damit wir nicht allesamt durch Überforderung im Burnout enden“, schreibt Ramachers wörtlich. „Es ist längst fünf nach zwölf! In fünf bis acht Jahren stehe ich womöglich als einzige Kinder- und Jugendärztin da. Für den Landkreis wäre es schlimm, wenn keine Kollegen nachkommen. Für Familien kann das ein Grund sein, nicht in unsere Region zu ziehen“, mahnt sie. 

Täglich würden bis zu 130 junge Patienten betreut, schildert die Ärztin. Zudem leide inzwischen das ansonsten sehr gute Miteinander der Kinder- und Jugendärzte im Landkreis, weil Vertretungslösungen angesichts der enormen Beanspruchung aller Praxen schwierig bis nahezu unmöglich seien.

Viele Kinderärzte gehen in den Ruhestand

Von Gesundheitsministerin Daniela Behrens erwartet Dr. Ulrike Ramachers konkrete Lösungsvorschläge für den dramatischen status quo, aber auch für die Zukunft. „Mit 53 bin ich die jüngste niedergelassene Kinder- und Jugendärztin. Meine sechs Kollegen werden in den nächsten zwei bis zehn Jahren ohne Nachfolger in den Ruhestand gehen. Zukünftig wird es häufiger vorkommen, dass Kinder in eine Situation kommen, in der sie nicht oder nicht rechtzeitig kinderärztlich behandelt werden, wenn sich an der aktuellen Situation nichts ändern wird“, warnt die Uelzenerin.

Und an Behrens gerichtet schreibt sie: „Damit das, was uns aktuell an unsere Grenzen bringt, nicht ein Dauerzustand bleibt, sind Sie heute in Ihrem Amt mitverantwortlich, die notwendigen Schritte einzuleiten.“ Dr. Ulrike Ramachers schreibt Ministerin Behrens weiter, „dass ich auch nur funktionieren kann, wenn ich für mich und meine psychische Gesundheit Sorge trage. Zeigen Sie Innovation und lassen Sie uns Niedersachsen zu einem Vorreiter in Deutschland werden.“

„Folgt kein Nachwuchs in der Kinder- und Jugendheilkunde, so wird dies die Ressourcenverknappung verschärfen. Und der Unmut der Eltern über lange Wartezeiten oder Aufnahmestopps in den Praxen wird mehr werden. Schon jetzt schreckt der Bürokratieaufwand, die Regresse und die technisch mangelhaft durchgeführte Einführung der Telematik-Infrastruktur junge Ärzte ab, sich für eine Niederlassung zu entscheiden. Ihnen sollte mit Ihrem Handeln klar sein, dass die Gesundheit unserer Kinder im Zentrum steht und die Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft sind“, so Ramachers in ihrem Brandbrief an die Ministerin.

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