Wie der in der Uhlenköperstadt aufgewachsene Thomas Walther die Ermittlungen um KZ-Wachmänner beeinflusste

Uelzener Jung auf Nazijagd

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Thomas Walther als Ermittler vor dem Münchener Landgericht, im Hintergrund der greise John Demjanjuk. Walther gab dem Fall den entscheidenden Impuls.

Der Dreh beim Demjanjuk-Fall. Er könnte ja mal was anders machen, dachte sich der aus der Heide stammende Richter Thomas Walther. Zu viele ihm bald überdrüssig gewordene Strafrechts-Urteile hatte er mit einem schimmernden Füllfederhalter, einem Erbstück, unterschrieben.

Mit dem Gedanken an etwas anderes begann ein neues Kapitel im Schaffen von Thomas Walther. Das war 2006, im Allgäu, Walther war 63 Jahre alt. Er ließ sich abbestellen für die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Hier wurden die Straftaten von Nationalsozialisten im Dritten Reich ermittelt – und zunächst wusste Walther nicht, wie er sich einbringen sollte: „Ich habe eine Zeitlang etwas ratlos im Nebel rumgestochen“, sagt er über die Anfangszeit in der Zentralen Stelle. Das sollte sich ändern durch den Fall Demjanjuk. Nachdem die USA schon gegen John Demjanjuk ermittelt hatten, sollte er abgeschoben werden. „Wir hatten die Idee, diesen Fall als ,door-opener’ zu nutzen“, sagt Walther, „und uns den prominenten Namen zunutze zu machen“. Demjanjuk wurde nach Deutschland ausgeliefert, die Behörde legte los, Walther war federführender Ermittler. Zwei Dinge ging er neu an.

Zunächst überzeugte er das Münchener Landgericht, dass es keinen konkreten Einzeltatnachweis brauche, um Demjanjuk als Beihelfer zum Mord anzuklagen. Dies war bisher eherner Grundsatz für eine Anklage. Seine Erklärung gegenüber der AZ: „Stellen Sie sich vor, jemand kommt bei ihnen ins Büro und beginnt, alle zu erschießen. Jemand anders steht am Fluchtweg, versperrt ihn aber und schaut beim Morden zu. Dieser Mensch begeht eine schwere Straftat.“ Eine ähnliche Situation habe es in Sobibor gegeben, wo John Demjanjuk Lagerwächter war. Wer also in dem Sonderfall des KZs, so Walthers Argumentation, weiß, was passiert, und dennoch „mitmacht“, begeht Beihilfe zum Mord. Für die NS-Ermittlungen in den Sonderfällen der Konzentrationslager brach er damit den ehernen Grundsatz. Eine „Schlüsselfigur“ im Prozess, so schrieb es die Deutsche Presseagentur, war Walther nach diesem Beweis. Ohne ihn, schrieben die Süddeutsche Zeitung, der Israel Report oder der Tagesspiegel, wäre der Prozess nicht möglich gewesen. Außerdem sammelte Walther Nebenkläger, so viele er finden konnte. Er wollte, dass die Angehörigen der Opfer sehen, was im Gerichtssaal geschieht. Auch heute, nach dem Demjanjuk-Prozess, sucht er weiter nach Nebenklägern. Sie unterfüttern die Anklage, und sie sollen Gerechtigkeit haben. Zunächst seien es „gebeugte, gebrochene Persönlichkeiten“, so Walther.

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„Wenn ich dann sehe, wie die Nebenkläger am Ende aufrecht und gelöst durch München gehen“, so Walther, dann fühlte er, dass es richtig ist. „Ihr habt uns eine Riesenlast von den Schultern genommen“, würden sie den Anklägern sagen, denn auch die Angehörigen leiden darunter, überlebt zu haben – nicht tot zu sein wie alle anderen. Als Nebenkläger können sie dafür ihre Berechtigung leisten. Walther ist oft in Ungarn oder Israel unterwegs, um für weitere Fälle Nebenkläger zu suchen. Er ist pensioniert, arbeitet aber weiter aus der Kanzlei eines Bekannten heraus. Mitleid mit den uralten damaligen Tätern? „Das ist kein falsches Wort“, sagt Walther, denn er sieht deren Leid. Aber er will ihnen auch eine Chance geben: „Jetzt haben sie die Möglichkeit zu sagen, wie es war.“ Anfang April wurde bekannt, dass die Zentrale Stelle Ermittlungen gegen 50 frühere Aufseher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau einleiten wird, wegen Beihilfe zum Mord.

Seit dem Fall Demjanjuk hält es die Leitung der Zentrale für aussichtsreich, auch gegen Aufseher Prozesse zu führen. Im Mai erklärte die Ermittlungsstelle, gegen vier mutmaßliche Wachleute von Auschwitz-Birkenau mit Verbindungen nach Niedersachsen zu ermitteln. Einen TV-Beitrag auch über Walthers Ermittlungen wird es morgen um 21.45 im ARD auf „Kontraste“ geben.

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