1. az-online.de
  2. Uelzen
  3. Stadt Uelzen

Uelzener im Kampf gegen den Konsum-Wahn

Erstellt:

Von: Lars Becker

Kommentare

Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel wandern in Deutschland pro Jahr in die Tonne. Sabrina Hansl (links) und Mandy Nitsche wollen mit der „Lebensmittelrettung Uelzen“ Obst, Gemüse und vieles mehr sinnvoll verteilen.
Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel wandern in Deutschland pro Jahr in die Tonne. Sabrina Hansl (links) und Mandy Nitsche wollen mit der „Lebensmittelrettung Uelzen“ Obst, Gemüse und vieles mehr sinnvoll verteilen. © Privat

Eine Initiative hat sich im Landkreis der Aufgabe verschrieben, Obst, Gemüse, Backwaren und vieles mehr vor dem Cotainer zu bewahren. Sabrina Hansl von der „Lebensmittelrettung Uelzen“ erklärt der AZ das Prinzip.

Uelzen/Landkreis – Diese Zahl ist unvorstellbar: Jedes Jahr werden alleine in Deutschland zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt – umgerechnet pro Kopf also rund 75 Kilogramm. Sabrina Hansl aus der Suhlendorfer Ortschaft Batensen hat sich gemeinsam mit Mandy Nitsche aus Uelzen und vielen weiteren Menschen im Landkreis der Aufgabe verschrieben, Obst, Gemüse, Backwaren und vieles mehr vor dem Container zu bewahren. „Lebensmittelrettung Uelzen“ heißt ihre ehrenamtliche Initiative, die auf einem einfachen Prinzip beruht: Wer etwas übrig hat, gibt es anderen – und nimmt umgekehrt vielleicht auch etwas anderes wieder mit. Mitmachen kann jeder, der dabei helfen will, den Überfluss zu stoppen.

„Das ist eine super-nachhaltige Geschichte. Die Leute tun etwas Gutes. Zu uns kann jeder kommen, Sachen loswerden und retten. In jeder Altersklasse ist das Bewusstsein dafür da, es macht riesigen Spaß. Vielleicht können wir ein anderes Konsumverhalten schaffen“, sagt Sabrina Hansl. Die 29-Jährige kam auf die Idee durch eine tragische Begebenheit im Winter 2019: Im Bereich des Marktcenters entdeckte sie die Leiche eines Wohnungslosen, der massiv unterernährt gewesen war. „Furchtbar, dass in Deutschland Menschen Hunger leiden. Es gibt zwar die Tafeln und andere Anlaufstellen, aber eben auch Gründe, warum Menschen nicht dorthin gehen. Das war für mich der ausschlaggebende Grund zu sagen, dass ich etwas tun muss“, erzählt die studierte Biologin, die „voller Naivität“ startete. Im Edeka-Markt in Rosche stellte sie sich und die Idee vor, Lebensmittel zu sammeln, die ansonsten entsorgt werden müssten. „Marktleiterin Dorette Belitz hat mich so offen empfangen – vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn sie mich damals weggeschickt hätte. Stattdessen hat sie Kontakte vermittelt – ich hatte also positive Erfahrungen direkt am Anfang“, berichtet Hansl. Im Internet stieß sie auf eine Facebook-Gruppe mit etwa 400 Mitgliedern, die bereits privat Lebensmittel tauschten und verwerteten. Sie postete selbst einen Beitrag – und eine Lawine kam ins Rollen.

Ihre wichtigste Botschaft: „Die Tafel steht an erster Stelle. Wir nehmen niemandem etwas weg, weil wir an anderen Tagen in anderen Märkten, bei Bäckern oder Landwirten Dinge abholen, die die Tafel nicht verteilen könnte und die sonst weggeschmissen würden. Bei uns gibt es keine Prüfung auf Bedürftigkeit – wir funktionieren parallel zur Tafel. Mit dem neuen Vorsitzenden Kurt Wiedenhoff habe ich telefoniert, vielleicht kann da sogar eine Kooperation stattfinden“, so die 29-Jährige.

Sie nennt eindrucksvolle Beispiele dafür, wie die „Lebensmittelrettung“ in der Praxis funktioniert: Im November bekam sie 250 noch ein Jahr haltbare Gläser Nuss-Nougat-Creme, die nur aus den Regalen mussten, weil Weihnachtsware wartete. Kurz vor Weihnachten füllte sie ihr Auto mit sage und schreibe 1500 Eiern, in einem Laden war der komplette Blumenkohl schlichtweg zu klein und sollte vernichtet werden, weil der Markt den Preis nicht reduzieren durfte.

„Brot, Obst und Gemüse retten wir am häufigsten – in einer Frequenz, die man sich kaum vorstellen kann. Vor allem sind wir alle dankbar, aber auch wütend, dass es so ein System des Überflusses und Wegwerfens gibt. Deshalb möchten wir in Zukunft viel mehr Aufklärungsarbeit darüber leisten, was wann saisonal und regional gut zu bekommen ist und deshalb bares Geld spart. Schon jetzt geben wir Rezeptvorschläge heraus, möchten aber auch mal nach der Ernte liegengebliebene Kartoffeln vom Feld holen. Wir haben viele Ideen für die Zukunft und freuen uns wirklich über jeden, der mitmacht“, bekräftigt Sabrina Hansl. „Wir sind jung, wild, unbürokratisch – und eigen in unserer Ausrichtung.“ Die Facebook-Gruppe hat inzwischen bereits mehr als 1000 Mitglieder.

Verteilung in Suhlendorf, Bevensen und Uelzen

Die Lebensmittelrettung Uelzen ist eine Initiative, die von Gesundheits-, Ordnungs- wie Finanzamt anerkannt wird. Für die Zukunft ist eine Vereinsgründung ebenso denkbar wie eine Zusammenarbeit mit dem Verein Woltersburger Mühle und der Tafel. Mit einem eigenen Fahrzeug werden Lebensmittel in Läden, bei Bäckern und Landwirten abgeholt. Auf dem Kirchengelände in Suhlendorf steht ein isoliertes, neu gedecktes Holzhäuschen, in das jeder haltbare Lebensmittel legen oder solche aus nager-sicheren Kisten mitnehmen kann. Diese öffentliche Zugänglichkeit ist den Verantwortlichen wichtig, in Uelzen soll auch eine solche Anlaufstelle entstehen. Mittwochs ab 16 Uhr können bei der Awo in Bad Bevensen Lebensmittel „gerettet“ werden, am vergangenen Sonnabend gab es diese Möglichkeit erstmals nach offiziellem Geschäftsschluss in „Beck´s Schlemmershop“ an der Veerßer Straße. Dort können auch Produkte gekühlt werden. Kontakt per E-Mail: LebensmittelrettungUelzen@gmx.de.

Auch interessant

Kommentare