„Als ob Armut ansteckend ist“

Uelzener erzählen, wie Senioren mit kleiner Rente ausgegrenzt werden

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Wie kann Senioren mit kleiner Rente vor Ort geholfen werden? Darüber tauschten sich die Uelzener aus. 

Uelzen – Der Platz neben Tanja Klomfass und Gabriele Witt ist leer. Die Sozialarbeiterin des Kirchenkreises Uelzen und die Pflegedienstleiterin des Paritätischen haben Betroffene gefragt, ob sie beim Stadtgespräch zum Thema Altersarmut im Café Samocca sprechen möchten.

Betroffene kennen sie zwar genug, aber: „Niemand wollte es machen“, erzählt Tanja Klomfass geknickt. „Sie schämen sich zu sehr.“

Diese Scham ist sinnbildlich für die Problematik, wenn Senioren mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen. „Als sie noch gearbeitet haben und einen Mann als Versorger hatten, waren sie Teil der Gesellschaft“, schildert Gabriele Witt die Situation von zwei alleinstehenden Frauen über 70, die der Paritätische betreut. „Jetzt können sie sich viele Dinge nicht mehr leisten und sind kein Teil der Gesellschaft mehr.“

Zwar seien häufig Frauen betroffen, doch so ergehe es auch vielen Männern. Eine Tasse Kaffee beim Bäcker, der Theaterbesuch – viel zu oft fehle Senioren das Geld für solche Dinge, die andere Menschen als selbstverständlich erachten.

Der Stuhl blieb leer: Weil die Scham zu groß ist, wollte kein Senior über Altersarmut sprechen.

Nehmen Senioren plötzlich nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil, bemerken es viele gar nicht – oder schauen weg, wie die Abgeordnete der Grünen-Kreistagsfraktion Judith Libuda erzählt: „Leute mit mehr Geld wenden sich schnell ab, so als ob Armut ansteckend ist.“ Das zeige sich auch daran, dass diesmal nur wenige Bürger zum Stadtgespräch gekommen sind: „Das Thema Armut macht den Menschen Angst.“ Laut der aktuellen Umfrage einer Beratungsgesellschaft sorgt sich jeder zweite Deutsche um seine finanzielle Absicherung im Alter.

Mit Blick auf die Diskussionen zur Respektrente merken die Anwesenden an diesem Abend an, dass es Aufgabe der Bundespolitik sei, Senioren in einem Land, in dem die Wirtschaft floriert und dem es laut der Bundeskanzlerin so gut wie noch nie geht, anständig zu versorgen. Doch auch vor Ort könnten Dinge angestoßen werden.

So wünscht sich Gabriele Witt, dass Betroffene besser informiert werden und ihnen Hilfe leichter zugänglich gemacht wird. Gerade Ältere würden sich schämen, ihre prekäre Finanzlage offenzulegen. „Das, was einem zusteht, muss man nutzen“, sagt Tanja Klomfass und regt an, einen Flyer mit einer Art Checkliste zu erstellen, auf dem Senioren erfahren, auf welche Leistungen sie ein Recht haben und an wen sie sich wenden können. Dieser könnte über Briefkästen verteilt werden.

Der Bürgermeister von Kirch- und Westerweyhe Karl-Heinz Günther wünscht sich, dass jüngere Menschen Kontakt zu älteren suchen, mal eine Seniorenveranstaltung besuchen und ihre Hilfe bei kleinen Dingen anbieten. „Man kann sich niemandem aufdrängen“, sagt Susanne Niebuhr (WIR für Uelzen), aber ab und zu ein freundliches Lächeln oder ein kurzes Gespräch tue keinem weh.

VON SANDRA HACKENBERG

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