Dr. Wolfgang Kufahl "wie in Trance"

Ein Uelzener erlebt die Attentate von Paris

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Er war sehr müde – sonst wäre er mit seinen Begleitern vielleicht noch bis zu einem Lokal gegangen, in dem andere Menschen Opfer des Terrors wurden. Auf der Karte zeigt Wolfgang Kufahl Orte der Anschläge, sein Hotel und das Restaurant, in dem er aß.

Uelzen. Als sich Freitag die Attentate in Paris ereignen, sitzt Wolfgang Kufahl in einem Restaurant nur wenige hundert Meter entfernt der Rue Albert – einem der Orte, an dem durch Maschinengewehrsalven etliche Menschen sterben.

Er und seine Begleiter bekommen vom Terror zunächst nichts mit. Erst nach und nach begreifen sie die Situation.

Die erste Mitteilung hält der Uelzener Zahnarzt für einen Witz. Zu freundlich klingt die Warnung des Obers im Restaurants am Pariser Boulevard de Magenta: „Seien Sie vorsichtig, es sollen Menschen durch die Stadt fahren und aus dem offenen Fenster mit Kalaschnikows auf die Leute schießen.“

Die Anschläge sind da gerade wenige Minuten her. Kufahl ist in Paris, weil er zusammen mit französischen Medizinern – unter anderem mit Nobelpreisträger Luc Montagnier – an einem Buch arbeitet. Zu fünft flanierte man zuvor über breite Gehwege, es war lange hell, mild. Kufahl erinnert sich an fein gekleidete Menschen, Lockerheit.

Als sie trotz der Warnung des Obers das Restaurant verlassen, ist Paris eine andere Stadt: „Da war ein irres Treiben auf der Straße. Hupende Autos, hysterische Menschen, die sich im Laufschritt bewegten, sich in Hauseingänge flüchteten.“ Mit seinen Begleitern läuft Kufahl zum Hotel, aber die Neugier hält sie auf der Straße.

Wie in Trance erlebt Kufahl die Weltstadt im Ausnahmezustand: „Überall entstanden Straßensperren, überall waren schwer bewaffnete Polizisten und Militärfahrzeuge.“ Ahnungslosigkeit, Unsicherheit und Neugierde bestimmen da seine Gefühlswelt. „Wir hatten eine dreiviertel Stunde nach den Anschlägen ja noch gar keine Information. Was ist los? Was sollen wir tun?“

Zurück im Hotel entsteht langsam Klarheit. Gemeinsam am TV. Im Austausch mit der Ehefrau in Uelzen über das Telefon. In der ganzen Nacht auf Sonnabend, in der Kufahl kein Auge zutut, ununterbrochen die Nachrichten des französischen Fernsehens sieht.

Die Gespräche zu dem Buch, die Fahrten mit der Metro durch die Stadt, der Rückflug nach Hamburg am Sonntag – alles findet wie geplant statt. Dennoch anders. Kufahl erinnert sich an eine Stadt unter Schock. „Wie eine Depression“, sagt er. Die Menschen auf den Straßen sind alle still. Schleichen, den Blick zu Boden gesenkt. Massive Polizeikräfte, etliche Kontrollen. Meere von Blumen und Kerzen an vielen Orten.

Zurück in Uelzen ist Wolfgang Kufahl froh, dass er selbst „so viel Schwein gehabt“ hat. Verarbeitet seien die Erlebnisse aber noch nicht. Er ist froh in einer kleinen Stadt zu leben, in der man nicht mit Terror rechnen müsse. Und er hofft, „dass sich alles irgendwann beruhigt“.

Von Steffen Kahl

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