Von Woche zu Woche – Kommentar von AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff zur aktuellen Situation und damit verbundene Missstände am Uelzener Bahnhof 

Uelzener Bürger sagen: „Es reicht!“

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Fahrkartenverkauf im DB-Store des Uelzener Hundertwasserbahnhofs: Kunden klagen über überfordertes Personal und ein eingeschränktes Angebot.

Eine Demonstration wie am heutigen Sonnabend um 10 Uhr am Uelzener Bahnhof hat die Uhlenköperstadt auch lange nicht erlebt. Dort gehen nicht die „üblichen Verdächtigen“ auf die Straße, sondern ein ganz anderes Klientel.

Ältere Mitbürger, für die diese Form des Protestes bislang nicht das angesagte Mittel war – manche machen so was vielleicht sogar zum ersten Mal.

Die Kundgebung ist ein Ventil und ein Paradebeispiel dafür, was sich aufbauen kann, wenn verschiedenste Gremien einfach an den Menschen vorbei handeln. Auch in Online-Zeiten gibt es einen persönlichen Beratungsbedarf, gibt es Bürger, die das persönliche Gespräch suchen und brauchen.

Sie alle fühlen sich vor den Kopf gestoßen durch die Schließung des Reisezentrums im Dezember vergangenen Jahres, das ersetzt wurde durch einen eher fachunkundigen Fahrkartenverkauf in einer Ecke des „DB Stores“, wie es heute so schön heißt. Doch hinter Kulissen und Begriffen der schönen neuen Welt verbergen sich oftmals umso tiefere Missstände – und der Metronom, der für den Fahrkartenverkauf im Bahnhof verantwortlich ist und bis November immer nur abgewiegelt und alle Warnungen in den Wind geschlagen hat, muss sich vorwerfen lassen, dieses Thema so richtig vergeigt zu haben.

Nicht jeder will an einen der wenigen Automaten gehen, nicht jeder druckt sein Ticket am heimischen Computer aus oder bedient die entsprechende App in seinem Handy.

Das Desaster rund um den Fahrkartenverkauf ist beispielhaft für den Niedergang eines Bahnhofs, der durch die Umbaupläne von Friedensreich Hundertwasser zur Expo 2000 einen nie für möglich gehaltenen Aufwind erhielt, in der Folgezeit sogar zu Deutschlands „Bahnhof des Jahres“ gekürt wurde und der in den vergangenen Jahren einen schleichenden Niedergang von der Touristenattraktion Nummer eins der Stadt zur provinziellen Bedeutungslosigkeit erlebt.

Waren das noch Zeiten, als die Besucher Schlange standen vor den Toiletten im Bahnhofsgebäude. Nicht, um sich zu erleichtern, sondern weil es so außergewöhnlich ist, was ein Wiener Künstler aus üblicherweise eher tristen Bedürfnisanstalten entwickelt hat.

Doch das ist längst Geschichte. Die Toiletten sind verrammelt, die Fenster des Reisezentrums sind zugeklebt und als nächstes muss wahrscheinlich der Verein Bahnhof 2000, der im Bahnhof erste Anlaufstelle für Touristen ist, die Segel streichen. Die verbliebenen Geschäfte beklagen derweil, dass Fahrgäste des Metronom zwischen Hamburg und Hannover seit dem Fahrplanwechsel im Regelfall nicht mehr in Uelzen umsteigen müssen und so als potenzielle Kunden auch noch wegfallen.

Und so ist der Protest heute Vormittag vor dem Bahnhof auch ein deutliches Signal – Uelzener Bürger sagen: Es reicht! 

VON THOMAS MITZLAFF

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