Kinderpflegedienst vermittelt bedürftige Kinder an Pflegeeltern

Uelzen: Wenn Liebe mehr zählt als die DNA

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Familie muss nicht bedeuten, auch verwandt zu sein, wie Pflegeeltern in Uelzen beweisen.

Uelzen – Familie hat viele Gesichter. Nicht immer sind die leiblichen Eltern auch die Bezugspersonen eines Kindes. Der Kinderpflegedienst des Landkreises Uelzen vermittelt bedüftige Kinder an Pflegeeltern. Eine Beispiel zeigt, dass Familie mehr bedeutet als die gleiche DNA.

Zusammen einen Drachen steigen lassen, eine Höhle aus Kissen bauen, der erste Tag im Kindergarten und in der Grundschule – solche Momente gehören untrennbar zum Elternsein dazu.

Auch das Ehepaar Henkel (Namen geändert) hat mit seinem Sohn Lukas all das erlebt. Dass sie sich gefunden haben, kann als glücklicher Zufall bezeichnet werden. Für Familie Henkel ist es ein Wunder.

„Wir haben uns immer Kinder gewünscht“, erklärt Joachim Henkel. „Wir können aber keine eigenen bekommen.“ Nach reichlicher Überlegung meldete sich das Paar beim Jugendamt des Landkreises als Pflegeeltern. Es gab Gespräche mit den Mitarbeitern, Besuche bei den Henkels zuhause, ihr Umfeld wurde genau durchleuchtet. „Das geht für die Familien schon ans Eingemachte“, berichtet Gudrun Deegen-Hoppe vom Jungendamt, denn bevor potenziellen Pflegeeltern ein Kind zugesprochen wird, würden sie auf Herz und Nieren geprüft. „Dann hieß es auf einmal: ‘Es gibt da diesen kleinen Jungen’“, erinnert sich Joachim Henkel an den Tag, als er und seine Frau von Lukas erfahren haben.

In einer mehrwöchigen Annäherungsphase lernen die Eltern das potenzielle Pflegekind kennen. „Es geht darum, eine passende Familie für das Kind zu finden – nicht umgekehrt“, weiß Joachim Henkel. Im Fall des damals zweijährigen Lukas geschah das in einem Mutter-Kind-Heim, wo sie auch die leibliche Mutter getroffen haben, die mit Lukas’ Versorgung überfordert war. „Ganz wichtig ist Einfühlungsvermögen der leiblichen Mutter gegenüber“, betont Joachim Henkel. „Egal was passiert ist, sie gehört zu dem Kind dazu, auch wenn es bei uns lebt.“

In der Zeit der Annäherung beobachten die Jugendamts-Mitarbeiter genau, ob die Chemie zwischen Kind und Familie passt. „Am Anfang haben wir einfach zusammen gespielt und die Besuche immer weiter gesteigert. Dann kam der Tag der Übergabe – und dann war er da.“

Sieben Jahre ist das her. Seitdem hat Lukas das Leben der Henkels im positiven Sinn auf den Kopf gestellt. „Wer ein Pflegekind aufnimmt, der muss sich bewusst sein, dass es ganz viel Zeit braucht, um eine Bindung aufzubauen“, betont Gudrun Deegen-Hoppe. „Pflegekinder haben oft eine bewegte Vorgeschichte und in ihren ersten Lebensjahren viel Unbeständigkeit erlebt.“

Das Ehepaar Henkel – beide berufstätig – hat seine Arbeitszeit reduziert, um Lukas das Gefühl zu geben, in einer Familie angekommen zu sein. Trotzdem gab es gerade in den ersten Monaten immer wieder Rückschläge. „Es gibt Alltagssituationen, da reagiert das Kind anders und du fragst dich: ‘Was habe ich jetzt falsch gemacht?’“, berichtet der Pflegevater. Unterstützung gab es vom Jugendamt, das die Familie bis heute begleitet. „Es ist wichtig, alles offen anzusprechen.“

Wie lange hat es gedauert, bis bei den Henkels der Alltag eingekehrt ist? Das Familienoberhaupt schmunzelt: „Sieben Jahre.“ Mit Lukas sei es, wie wenn man immer wieder kleine Geschenkverpackungen öffnet, ohne zu wissen, was Einen erwartet. Doch eigentlich sei nichts anders als bei blutsverwandten Familien: „Überall gibt es Höhen und Tiefen“, weiß Joachim Henkel. Missen möchte Lukas in der Familie niemand mehr: „Er ist unser Sohn.“

Mittlerweile hat die kleine Familie sogar noch Zuwachs bekommen: Die Henkels haben einen weiteren Jungen bei sich aufgenommen: „Wir konnten uns das gut vorstellen und Lukas hat sich ein Brüderchen gewünscht.“

Das war bei seiner Ankunft gerade mal ein Jahr alt. Oft werden die Henkels gefragt, wie sich das angefühlt hat, sich plötzlich um ein Baby zu kümmern. „Dann antwortet meine Frau: ‘Was Frauen in neun Monaten Schwangerschaft erleben, habe ich in zwei Wochen erlebt“, erzählt Joachim Henkel schmunzelnd. Nur eine Sache wünscht er sich für die Zukunft: „Dass wir alle gesund bleiben.“ Es ist der Wunsch eines glücklichen Familienvaters.

VON SANDRA HACKENBERG

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