17.000 Tickets müssen zurückgezahlt werden

Uelzen: Sorgen statt Festivalspaß

Keine Bühne, keine Festivalbesucher: Das Open R hätte dieses Wochenende stattfinden sollen. Statt um Bühnenbau kümmert sich Ulrich Gustävel um Ticketrückgaben.
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Keine Bühne, keine Festivalbesucher: Das Open R hätte dieses Wochenende stattfinden sollen. Statt um Bühnenbau kümmert sich Ulrich Gustävel um Ticketrückgaben.

Uelzen – Künstler wie die Toten Hosen, Johannes Oerding oder Roland Kaiser sollten sich dieses Wochenende in Uelzen die Klinke in die Hand geben. Der Coronavirus hat das verhindert. Und Veranstalter wie Ulrich Gustävel kämpfen mit den Folgen der Pandemie.

Es sind kurze Nächte. Mehr als zwei, drei Stunden Schlaf findet Ulrich Gustävel in Festivalzeiten nie.

Morgens, ab 7 Uhr, starten die Arbeiten an der Albrecht-Thaer-Straße. Für das Open R 2020 hatte das Produktionsteam einen Tag eingeplant, um Bühne, Lichttechnik und Soundanlage nach dem Konzert der Toten Hosen für den Auftritt deutscher Musiker vorbereiten zu können. „Eigentlich wären wir jetzt mitten im Umbau gewesen“, sagt Ulrich Gustävel gestern.

Er sitzt an einem Tisch in der Uelzener Jabelmannhalle, nippt an einem Glas mit Tee. Gustävel hat mehr Schlaf bekommen, als ihm eigentlich lieb ist. Und vor sich hat er keine Bühnenpläne, sondern Unterlagen für finanzielle Hilfen des Bundes für Eventveranstalter liegen.

Aus Gründen des Infektionsschutzes sind im Frühjahr Großveranstaltungen bis mindestens Ende August untersagt worden. Das Open R 2020 war damit Geschichte. Allein für das Konzert mit den Toten Hosen hatte Gustävel mit 20 000 Besuchern gerechnet. „Wir wären sicher ausverkauft gewesen“, sagt er. Es schwingt Wehmut in seinen Worten mit.

Mit einem Teil der Künstler wie Johannes Oerding und Roland Kaiser hat er klären können, dass sie im nächsten Jahr beim Open R auftreten. Die Toten Hosen haben das ausgeschlossen, sie werden nicht kommen.

17 000 Tickets müssen zurückgezahlt werden

17 000 bereits verkaufte Karten für das Tote-Hosen-Konzert hat das Produktionsteam um Ulrich Gustävel rückabzuwickeln. „Das wird sich noch bis Weihnachten ziehen“, sagt Gustävel. Der Aufwand sei groß. Ausgeschlossen werden soll, dass es zu Zahlungen für möglicherweise gefälschte Tickets kommt.

Derweil bereitet er Anträge für finanzielle Hilfen vor. Gustävel hofft, vom aufgelegten Bundesprogramm „Neustart Kultur“ profitieren zu können – das Open R ist wahrlich nicht das einzige Event, das bei ihm ausfällt.

Pandemie trifft Branche mit Wucht

Erst am Donnerstag haben Länder und Bundesregierung entschieden, dass Großveranstaltungen weiter, nun bis zum Jahresende, tabu sind, sofern die nötigen Abstände nicht eingehalten und Kontakte nicht verfolgt werden können. Das trifft die Veranstaltungsbranche mit Wucht.

Abgesehen von Großkonzerten lebt Ulrich Gustävel von Betriebsversammlungen und Weihnachtsfeiern in seiner Jabelmannhalle. Aber auch diese fänden nicht statt, sagt er, was er verstehen könne. Unternehmen hätten Sorge, dass eine Infektion zu Betriebsausfällen führe.

Gustävel geht davon aus, dass etwa 100 Veranstaltungen, mit denen er als Eventmanager in diesem Jahr rechnete, nicht stattfinden. Die Zuschauerzahlen für eingeplante Konzerte zu kappen, um sie im kleinen Kreis doch stattfinden lassen zu können, ist kaum vorstellbar. „Dann müssten die Besucher horrende Ticketpreise zahlen.“

Maximal 35 Besucher im Schauspielhaus

Das Neue Schauspielhaus an der Rosenmauer fasst längst nicht so viele Menschen wie die Jabelmannhalle. Der Trägerverein steht dort aber vor ähnlichen Herausforderungen wie Gustävel. Im Sommer wurde im Garten unter freiem Himmel, mit Abstand, Theater und Musik geboten, was gestattet wurde. Mit der kälteren Jahreszeit steht nun die Saison im Inneren an – nur: Nach Rücksprache mit Ordnungs- und Gesundheitsamt sind dafür maximal 30 bis 35 Besucher zugelassen, wie Vorsitzender Johannes Vogt-Krause berichtet. Damit stellte sich den Machern in dieser Woche die Frage, ob unter diesen Bedingungen ein Spielbetrieb noch möglich ist. „Das ist ein Rechenexempel“, so Vogt-Krause.

Nach einer Vorstandssitzung in dieser Woche steht fest: Der Verein will versuchen, weiter ein Angebot mit Theater und Musik zu machen. Es gebe ja nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt, der Mensch brauche auch Kultur. Voraussetzung sei aber, dass die Künstler sich auf eine geringere Gage einließen. Hier gebe es schon positive Rückmeldungen, so Johannes Vogt-Krause.

Einen Termin hat sich Ulrich Gustävel fest in seinen Veranstaltungskalender eingetragen: Es ist der 9. September. Dann will er mit Kollegen nach Berlin fahren. Die Veranstaltungsbranche will sich in der Bundeshauptstadt noch einmal Gehör verschaffen – symbolisch wird das letzte Hemd am Reichstag abgelegt. „Es ist der Wahnsinn“, sagt Gustävel zur Situation. Er nimmt noch einmal einen Schluck Tee. VON NORMAN REUTER

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