Die „Ilmenau“ auf dem Elbe-Seitenkanal

Uelzen: „Ohne dieses Boot geht gar nichts“

Das Aufsichtsboot „Ilmenau“ gewährleistet den reibungslosen Ablauf des Binnenverkehrs auf dem Elbe-Seitenkanal.
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Das Aufsichtsboot „Ilmenau“ gewährleistet den reibungslosen Ablauf des Binnenverkehrs auf dem Elbe-Seitenkanal.

Uelzen – Langsam gleitet das Boot durch die Dunkelheit. Das Wasser ist – wie immer – ruhig, Wellengang gibt es hier nicht. Es ist 7.15 Uhr, und die Mannschaft der „Ilmenau“ befindet sich bereits im Einsatz – auf einem der größten Verkehrswege im Landkreis Uelzen.

Während auf konventionellen Straßen aus Asphalt die jeweilige Straßenmeisterei verantwortlich zeichnet, gibt es für den Elbe-Seitenkanal dieses kleine Aufsichtsboot aus der Spatz-Klasse, das dafür sorgt, dass jede der jährlich rund 11 Millionen Tonnen an Gütern ihr Ziel erreicht.

Hubertus Schulte, seit 30 Jahren Schlosser an der Schleuse Esterholz, wird später an diesem Tag sagen: „Das Boot ist extrem wichtig, ohne dieses Boot geht gar nichts.“

Kleines Teil, riesiges Puzzle

Die Besatzung der „Ilmenau“ (von links): Oleg Ring, Jannis Kley und Conner Krug.

Das Aufsichtsboot „Ilmenau“ ist 12,55 Meter lang und 3,8 Meter breit. Doch wenn es, so wie heute, den Arbeitskran „OP 3845“ vorspannt, wird der Bug um 11,7 Meter vorverlegt. Rund 30 Minuten braucht der 140-PS-Diesel der „Ilmenau“ so vom Bauhafen Groß Liedern bis zur Schleuse, wo heute Reparaturarbeiten anstehen, bei gemütlichen zehn km/h – nicht Knoten, denn, so sagt Oleg Ring, der als Matrose angestellt ist, heute jedoch krankheitsbedingt den Kapitän vertritt: „Wir sind hier in Deutschland.“

Ein Eisabweisgitter muss nach Instandsetzung wieder in der Schleusenkammer montiert werden. Diese Gitter verhindern, dass sich Eis an den Schleusentoren festsetzt, das später von oben auf zu schleusende Schiffe fallen könnte. Es ist ein kleines Teil im riesigen Puzzle, das ein funktionierender Binnenschiffsverkehr darstellt.

Draußen sind die näherkommenden Lichter des großen Wasserbauwerks zu sehen, drinnen das Leuchten vom AIS – dem Automatischen Identifikationssystem. „Dieses System ist Pflicht in der Berufsschifffahrt. Ich kann alle Schiffe sehen, die mir entgegenkommen“, sagt der heutige Kapitän. Zwei weitere Besatzungsmitglieder befinden sich an Bord. Jannis Kley aus Suderburg ist gelernter Wasserbauer und Matrose. Der 17-jährige Conner Krug befindet sich in der Ausbildung zum Binnenschiffer. Der Schweriner lebt nur für die „Ilmenau“ unter der Woche in Uelzen. An der Schleuse kommt zur Unterstützung noch Schlosser Hubertus Schulte an Bord. Dann öffnet sich das untere Tor und das Boot setzt sich in Bewegung.

Im Herzen der Schleuse

185 Meter lange und 23 Meter hohe Betonwände flankieren den kleinen Schubverband bei der Einfahrt. Am Ende der Kammer, unterhalb des oberen Tores, macht Conner Krug das Boot an einem Schwimmpoller fest, der an der Seitenwand in Schienen mit dem Wasserstand hoch und runter läuft. 56 000 Tonnen Wasser benötigt dieses mehr als 40 Jahre alte Bauwerk, um die 23 Meter Höhenunterschied zu überwinden. Bei kompletter Füllung werden die Stahlbetonelemente ganz oben bis zu zwölf Zentimeter auseinandergedrückt. Es sind unvorstellbare Kräfte, die hier im Herzen der Schleuse I wirken.

Das Rauschen beginnt, als das Wasser aus den seitlich zur Schleusenkammer gelegenen Spartanks hinein geleitet wird. Langsam hebt sich der Wasserspiegel. Ohrenbetäubendes Quietschen breitet sich im Bauwerk aus. Metall auf Metall. Ein ICE, der gleichzeitig beschleunigt und bremst. Es ist ein bedrohlich wirkendes Poltern und Knarzen. Es sind die ungeschmierten Schwimmpoller, die diese Geräuschkulisse verursachen.

Knapp unterhalb des oberen Tores wird der Wasserstand gehalten. Hier sitzen die Eisabweisgitter. Der Motor vom Kran wird angeworfen. Nebel aus Dieselabgasen breiten sich aus. „Er ist nicht mehr der Jüngste“, bemerkt Oleg Ring und winkt die Männer aus dem Abgasbereich. Der Rauch zieht schnell ab, dann kann gearbeitet werden. Jannis Kley steuert gekonnt den Kran, der das Gitter mit leicht ruckenden, roboterartigen Bewegungen an die vorgesehene Position hebt. Hubertus Schulte und Conner Krug bohren und schrauben. Nach rund zehn Minuten ist alles erledigt – Routine. Das Werkzeug wird verstaut, der Kran an seine Ruheposition gesteuert. Das Wasser steigt wieder.

Oben angekommen, öffnet sich das Tor. Hier würde der Kanal jetzt nach Bad Bodenteich führen, doch die „Ilmenau“ dreht nur und fährt zurück in die Kammer. Es geht wieder abwärts. Rauschen, Quietschen, Knarzen, Poltern. Das untere Tor öffnet sich. Vor dem Aufsichtsboot „Ilmenau“ erstreckt sich der Kanal. Es gibt noch viel zu tun.

VON ANDREAS URHAHN

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