Eine Frage der Dringlichkeit

Uelzen: In der Notaufnahme geht es nach der Schwere der Erkrankung – ein Einblick

Manuela Netzel befragt Patienten und Notfallsanitäter, die Menschen einliefern, wie Kim Anne Schloßmacher zu den Leiden. So verschafft sie sich einen ersten Eindruck von der Schwere der Erkrankung.
+
Manuela Netzel befragt Patienten und Notfallsanitäter, die Menschen einliefern, wie Kim Anne Schloßmacher zu den Leiden. So verschafft sie sich einen ersten Eindruck von der Schwere der Erkrankung.

Uelzen – Im Nachbarraum wird ein Patient für einen operativen Eingriff vorbereitet. Und am Tresen steht ein junger Mann, der sich den Finger bei der Arbeit gequetscht hat. Das Telefon klingelt. Ein Arzt hat eine Nachfrage. Jetzt gilt es, den Überblick zu bewahren.

Alltag für Manuela Netzel, die in der Notaufnahme des Uelzener Klinikums arbeitet.

Gut 23.000 Menschen zählt das Klinikum jährlich im Schnitt als Patienten der Notaufnahme. 65 sind es im Schnitt pro Tag – darunter Schwerstverletzte, die nach Unfällen mit dem Rettungswagen eingeliefert werden. Vorstellig werden aber auch Männer und Frauen, die weniger drängende Leiden haben. Die, wie Chefärztin Jana Reese zu berichten weiß, auch schon mal nach 30 Minuten wieder gehen, weil es ihnen zu lange dauert, bis sie einen Arzt sehen.

Mitarbeiter wie Manuela Netzel haben sich, wie die AZ jüngst in Bezug auf eine aktuelle Studie zu steigenden verbalen Entgleisungen und Übergriffen in Behörden und sozialen Einrichtungen berichtete, Unflätigkeiten anzuhören, wenn Patienten nicht länger warten wollen. Das gilt wahrlich nicht für jeden Patienten, komme aber „nicht selten“ vor, wie Reese sagt. Wonach wird in der Notaufnahme aber geurteilt, wie schnell es zur Behandlung kommt? Die AZ fasst noch einmal nach.

Einstufung der Patienten

Knapp formuliert: In der Uelzener Notaufnahme wird nicht der als Erster behandelt, der als Erster gekommen ist. Es geht nach der Schwere der Erkrankung und damit nach der Dringlichkeit. Das sogenannte Manchester-Triage-System kommt zum Einsatz.

Im Wartebereich hängt ein Plakat, um das Prinzip den Patienten zu erläutern. Wer vorstellig wird in der Notaufnahme, wird einer Dringlichkeitsstufe zugeordnet. Die Stufen sind nach Farben sortiert. Rot steht für „akute Lebensgefahr“, blau für „nicht dringend“. Fünf Gruppen umfasst das System insgesamt.

Am Empfangstresen: Manuela Netzel ist im Gespräch mit einem Mann, der bei der Arbeit mit dem Fuß umgeknickt ist. Mit Fragen verschafft sich die Klinik-Mitarbeiterin einen Eindruck, um ihn einer Dringlichkeitsstufe zuzuordnen. Für das sogenannte Triagieren gibt es auch einen eigenen Raum, in dem beispielsweise der Blutdruck oder die Atemfrequenz gemessen werden können, um eine erste Einschätzung zur Schwere der Erkrankung zu bekommen.

Die Notaufnahme ist bestückt mit Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Chirurgen, Internisten, Neurologen – Ärzte der unterschiedlichen Abteilungen leisten wochenweise Dienst in der Notaufnahme. „Es gibt einen Dienstplan“, so Jana Reese.

Die Notaufnahme ist so zugeschnitten, dass es für die jeweiligen Krankheitsbilder entsprechend ausgestattete Räume gibt. So werden Patienten, bei denen ein Bruch wahrscheinlich ist, von einem Chirurgen in einem Behandlungszimmer betreut, das mit Verbänden und Gips-Utensilien ausgestattet ist.

Wartebereich ist kameraüberwacht

Der Mann, der mit dem Fuß umgeknickt ist, wird von Manuela Netzel in die Gruppe Blau – „nicht dringend“ – eingestuft. Er wird gebeten, noch einmal im Wartezimmer Platz zu nehmen. Wie lange wird er warten müssen? Netzel sagt: „Bei diesem Aufkommen gut eine dreiviertel Stunde.“ Der Wartebereich ist kameraüberwacht, sodass Netzel sieht, sollte es dort Patienten schlechter gehen.

Zeitweise kommen so viele Patienten zur Notaufnahme – die Krankentransporte nicht mitgerechnet –, dass sich eine Schlange bildet. Mittwochs ist das Aufkommen höher. „Wir merken schon, dass Praxen von Hausärzten am Mittwochnachmittag geschlossen haben“, sagt Jana Reese. Patienten bekommen ihren Ausführungen nach erklärt, dass es dauern kann, bis es zur Behandlung kommt, wenn nicht eine akute Gefahr vorliegt. Mitunter können es bis zu vier Stunden werden, berichtet Reese.

Dass es auf die Schwere der Erkrankung ankommt, mag einleuchten. Wieso kommt es dann aber trotzdem zu verbalen Entgleisungen? Das habe auch damit zu tun, sagt Reese, dass Menschen nicht mitbekommen, wie hoch die Anzahl der Patienten tatsächlich sei und was für Leiden behandelt werden müssten.

Zwischen Anmeldetresen und Wartebereich ist eine Tür installiert worden – „um die Privatsphäre besser zu schützen“, wie Reese sagt. Die Kehrseite ist, dass der Patient im überschaubar gefüllten Wartebereich nicht ahnt, was hinter der Tür gerade passiert. Dass Rettungswagen Verletzte bringen.

Vier Wagen sind auf den Hof gefahren. Ein Fall: Eine Frau ist den Tag zuvor wohl gestürzt, lag auf dem Boden ihrer Wohnung, wurde von der ambulanten Pflege entdeckt und nun mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht.

System ist zu wenig bekannt

Chefärztin Jana Reese glaubt, dass das Zuordnen in Dringlichkeitsstufen bei den Patienten noch nicht so bekannt ist, wenngleich ein Plakat im Wartebereich darauf hinweist. Und sie meint, dass auch das Angebot der kassenärztlichen Notfalldienste, die außerhalb der Sprechzeiten von Hausärzten zu nutzen sind, stärker noch ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden müssten.

Bei Manuela Netzel steht eine junge Frau am Tresen, die mit den Tränen kämpft. Auch das gehört zu ihrem Beruf: In solchen Momenten ein bisschen Seelsorger sein.

VON NORMAN REUTER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare