Hitlers feuchter Händedruck

Uelzen: Michael Martens liest über den Nobelpreisträger Ivo Andric

Michael Martens las bei den Weingeistern aus seinem Werk über Ivo Andric.
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Michael Martens las bei den Weingeistern aus seinem Werk über Ivo Andric. 

Uelzen – Jens Kunze, die gute Seele des Neuen Schauspielhauses an der Rosenmauer, ist am Freitagabend völlig aus dem Häuschen: „Michael Martens war hier. Früher, als Rainer Schamuhn noch lebte, kam er ja häufiger . . .“

Früher, das war, bevor Michael Martens 2002 politischer Korrespondent der FAZ wurde und für diese Zeitung sieben Jahre in Belgrad, sechs in Istanbul und drei in Athen arbeitete. Seit diesem Jahr lebt er in Wien. Früher, das war vielleicht auch noch vor Martens Zeit in St. Petersburg, Kiew und anderen Städten Osteuropas.

Michael Martens, 1973 geboren, wuchs in Wichmannsburg auf und war, bevor er dem Ruf größerer Zeitungen folgte, Mitarbeiter der AZ. Vor seinem Kurzbesuch bei Jens Kunze war er auf Einladung der Weingeister zum zweiten Mal im Literaturkeller der Ratsweinhandlung zu Gast, um dort aus seinem neuesten Buch „Im Brand der Welten“ zu lesen. Der Untertitel „Ivo Andric Ein europäisches Leben“ sagt, worum es geht. Sieben Jahre lang hat Martens dafür recherchiert, Archive durchstöbert, Akten geblättert, um dann auf 496 Seiten das Leben des Schriftstellers und Politikers Ivo Andric auszubreiten.

„Schreiben und Recherchieren ist immer eine einsame Angelegenheit“ sagt er seinen zahlreich erschienenen Zuhörern und erläutert, dass sein Buch in zwei Teile falle: Andric als Politiker und als Schriftsteller. Martens überschlägt die ersten Kapitel und beginnt mit 1918, dem Jahr, als der Erste Weltkrieg endete, auf dem Balkan der Staat Jugoslawien entstand und Ivo Andric (1892–1975) in die Hauptstadt, nach Belgrad, zog. Schnell, mit deutlicher Aussprache und wohlgesetzten Betonungen blättert Martens das Leben seines Titelhelden auf: „Ex Ponto“, das erste Buch erscheint, seine finanzielle Lage ist mies, er hat keine Festanstellung. Dann erhält er durch gute Beziehungen Arbeit im Religionsministerium, macht Karriere, ist in Triest, Genf, Paris, Marseille, Rom, Bukarest, Graz und Madrid tätig. Dennoch arbeitet er weiterhin als Literat, schreibt Erzählungen. Als stellvertretender Außenminister seines Staates wird er Ende März 1939 zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister an der königlichen Gesandtschaft in Berlin ernannt. Bei der Überreichung seiner Beglaubigungspapiere trifft er auf Hitler, dessen Händedruck er später als „kalt und feucht“ beschreibt. Doch auch Andric kann nicht verhindern, dass der Balkan in den Krieg hineingezogen wird. Im besetzten Jugoslawien gibt es für Andric keine Arbeit mehr – er schreibt vom Sommer 1941 bis zur Befreiung von der deutschen Besatzung im Oktober 1944 seine großen Werke – die „Bosnische Trilogie“, bestehend aus „Wesire und Konsuln“, „Die Brücke über die Drina“, und „Das Fräulein“. 1961 erhält er dafür den Literatur-Nobelpreis.

Martens versteht es, seinen Zuhörern in den Abschnitten, die er vorträgt, den Menschen, den Politiker und den Schriftsteller Ivo Andric nahezubringen.

VON FOLKERT FRELS

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