Einmal auf dem Kirchenschiff stehen

Turmführungen in St. Marien: Ungewöhnliche Einblicke in das 700 Jahre alte Uelzener Gotteshaus

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Die Holzbrücke über dem Deckengewölbe wurde kürzlich renoviert, erklärt Manfred Heuer. Schwindelfrei sollte man dennoch sein. 

Uelzen – Wann wird die alte Kirche denn abgerissen? Fragen wie diese bekommt Manfred Heuer während seiner Turmführungen in St. Marien meist von Kindern gestellt. Gar nicht dumm, findet er.

„Heute werden Häuser selten noch so gebaut, dass sie mehr als 700 Jahre überdauern. “.

Deshalb begegnet er dieser Kirche mit einem Gefühl der Ehrfurcht vor der Genialität der alten Baumeister. Das verkündet er spätestens, wenn die Gruppe auf einer Holzbrücke im Dachstuhl unmittelbar über den gemauerten Gewölbekuppeln des Kirchenschiffes steht und erntet anerkennendes Nicken angesichts der beeindruckenden Kulisse. „Das habe ich noch nie gesehen“, bestätigt Christian Stierle aus Bad Bremstedt. Er ist mit seiner Familie zu Besuch in Holdenstedt und wollte sich die Führung am Freitag nicht entgehen lassen.

Musiker Michael Luke versüßt Familie Lamprecht und den anderen Gästen die Wartezeit bis zur Turmführung.

Doch beginnen muss man eine Turmbesteigung bekanntlich ganz unten, an einem unscheinbaren Nebeneingang der Kirche. Hier treffen sich von Ostern bis Erntedank einmal wöchentlich diejenigen, die hoch hinaus wollen. Von hier aus geht es auf einer schmalen Wendeltreppe zum ersten Zwischendeck – 16 Meter über der Stadt. Manfred Heuer reißt die Fensterläden auf, lässt Wind hinein und taucht das alte Gemäuer in warmes Sonnenlicht. Er deutet auf Altersrisse. Sie seien so ungefährlich wie Falten, erklärt er.

Aufbewahrt: Die Zeiger der alten Turmuhr.

Deutlich mehr als der Zahn der Zeit hat der Zweite Weltkrieg St. Marien entstellt. Als Uelzen am 16. April 1945 bombardiert wurde und auch die Kirche in Brand geriet, schafften einzelne Bürger heimlich eimerweise Wasser über die Turmtreppe nach oben, um zu löschen. „Obwohl der Schaden beträchtlich war, haben die Uelzer schnell beschlossen, die Kirche wieder vollständig aufzubauen“, berichtet Heuer. Die Geschichte ist bekannt und berührt doch. Viele der 15 Zuhörer kommen an diesem Tag aus Stadt oder Landkreis und verbinden die Besichtigung mit dem Ferienprogramm für Kinder oder Enkel.

Friedensglocke aus dem Jahr 1954.

Sie bezieht der pensionierte Sonderschullehrer immer wieder in die Führung mit ein und lässt sie unter anderem raten, wie viele Glocken die Stube im obersten, über eine steile Holztreppe begehbaren Bereich des Turmes beherbergt. Er erklärt, eine wiege so viel wie 75 erwachsene Personen. Beeindruckende Riesen, findet auch die achtjährige Elisa Stierle und ist etwas traurig, dass die Glocken nicht angefasst werden dürfen.

Währenddessen heißt es Schlange stehen am Kirchturmfenster, denn so viele Stufen läuft niemand, ohne die Aussicht zu genießen. Die beiden Jungs Antony Meurer und Toni Bremer vom Heidehof in Eimke sind sichtlich begeistert von diesem Ausflug mit ihrem Betreuer Christoph Hartig. Und auch dieser hat beschlossen, den Weg nach oben gern noch einmal auf sich zu nehmen.

VON JANIN THIES

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