Kommentar zur Einführung einer kostenlosen Kindergartenbetreuung in Niedersachsen

Die Tücken der Gebührenfreiheit

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(Symbolbild)

Eine verlässliche und möglichst flexible Kinderbetreuung ist heutzutage die Grundvoraussetzung dafür, dass Mütter und Väter berufstätig sein können. 

Ihre Sprösslinge schon im Krippen- und Kindergartenalter gut aufgehoben zu wissen, ist nicht nur für sie ein wichtiger Bestandteil der heutigen Lebensrealität junger Familien. Auch für Arbeitgeber, die eben diese Frauen und Männer als Fachkräfte dringender denn je suchen, ist eine funktionierende Kinderbetreuung von großer Bedeutung. Konsequenterweise strecken sich die Kommunen immens, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Schließlich geht es nicht nur darum, den Rechtsanspruch von Eltern auf einen Kindergartenplatz zu erfüllen, sondern auch Unternehmen und Einwohner am Ort zu halten. Die Einführung einer kostenlosen Kindergartenbetreuung ist daher gut und richtig.

Allerdings wurde die am 1. dieses Monats in Kraft getretene Neuregelung in Hannover offensichtlich nicht ganz zu Ende gedacht. Denn so wunderbar der Vorstoß in der Theorie klingt – mit dem praktischen Teil dieser Beitragsfreiheit stehen die Kommunen ganz allein da. Und der birgt seine ganz eigenen Tücken.

Das jüngste Beispiel dafür lieferte in dieser Woche die Gemeinde Wriedel, und sie ist nicht allein mit diesem Problem. Binnen kürzester Zeit nämlich sahen sich die Wriedeler mit einer Flut von Anmeldungen im Kindergarten konfrontiert – mehrere Eltern hatten erst spät realisiert: Es kostet ja nichts. Weitere unvorhersehbare Ereignisse verschärften die Situation. Das Ergebnis: Der Kindergarten braucht eine zusätzliche Gruppe und damit auch mehr Räume. Und zwar schnell. Denn wer sein Recht auf einen Kindergartenplatz nicht bekommt, kann klagen.

Niemand will das freilich. Also handelt die Gemeinde Wriedel prompt: Eine ehemalige Wohnung im Schulgebäude könnte umgebaut werden, um zumindest übergangsweise den Bedarf zu decken. 50.000 Euro gab der Gemeinderat ohne Wimpernzucken dafür frei. Schließlich sind zufriedene Eltern den Kommunen lieb und teuer. Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail: Landkreis, Landesschulbehörde und Samtgemeinde treten auf den Plan. Ansprüche an den Brandschutz, an Zuständigkeiten und grundsätzliche Genehmigungen sowie Einhaltungen diverser Vorschriften sind zu klären. Eine schnelle Lösung wäre damit vom Tisch. Und die Kosten galoppieren auch davon. Der Frust bei Eltern und Kommunen ist hier vorprogrammiert.

Glich die Schätzung der Anzahl von künftig zu betreuenden Kinder sowieso schon immer dem Blick in die berühmte Glaskugel, wird es den Kommunen jetzt noch schwerer gemacht: Die Beitragsfreiheit motiviert auch jene Eltern dazu, ihre Kinder in der Betreuungseinrichtung anzumelden, für die das bislang nicht infrage kam. Und wer sein eigentlich schulpflichtiges Kind doch noch länger im Kindergarten lassen möchte, kann auch das tun. Alles völlig richtig so. Was das aber in Zukunft noch für die Verantwortlichen vor Ort bedeutet, ist nicht abzuschätzen. Auch und vor allem nicht finanziell. Darüber sollte man in Hannover noch mal in Klausur gehen.

Von Ines Bräutigam

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