Trödeln ausdrücklich erlaubt

Es wurde viel verhandelt – und manche taten das mit ganz besonderem Charme.

Uelzen. Trödel – der Name gibt die Gangart vor. Man darf sich langsamer bewegen, schlendern, auch mal verträumt vor einem Stück Erinnerung stehen bleiben, ohne dass einer gleich fuchtig wird. Flanieren vielleicht auch; aber dazu gehörte schon wieder ein gewisses Maß an Weltläufigkeit, die in Uelzen eindeutig fehlt.

Das beweisen nicht nur die Hostessen, die auch am Sonnabend fleißig ihre Knöllchen verteilten und kein einziges zugedrücktes Auge hatten angesichts des Gedränges in der Innenstadt und der Nöten der Parkplatz suchenden Autofahrer, die nicht gerade behindernd, aber vielleicht nicht ganz korrekt ihr Fahrzeug abgestellt hatten an der Pastorenstraße.

„Trödel nicht!“ – haben Sie den Ruf der eilenden Mutter auch im Ohr, liebe Leser? Schließlich gab es schon immer einen Alltagsstress, in dem Langsamkeit an keiner Stelle und offenbar zu keiner Zeit vorgesehen war. Am Sonnabend jedoch durfte man bummeln zwischen Achterstraße, Fußgängerzone und St. Marien. Die Flohmarktsaison ist eröffnet und die ersten Standbetreiber sollen bereits gegen 3.30 Uhr um die besten Plätze gerungen haben. Am Vormittag waren die Pfründe längst verteilt und alle für den Besucheransturm gerüstet.

Was wird der Herr, der das angebotene Fernglas erwerben will, wohl beim Ausprobieren vor den Fokus nehmen? Doch nicht der Nachbarin Ausschnitt? Nein, er hält das „Roohziehglas“ (so sagen sie im Erzgebirge dazu) in die Höhe. Vielleicht will er ja gar der NABU-Aufforderung vom Wochenende noch nachkommen und bei der jährlichen Gartenvogelzählaktion mitmachen…

An anderer Stelle träumt die Schallplatte von Bill Haley ein wenig unbeachtet vor sich hin. „Rock around the clock“ – das waren Zeiten! Aber dass der Sänger seinen Erfolgshit vor inzwischen 55 Jahren herausbrachte, mag man dann doch nicht glauben. Viele der heutigen Aussteller waren da noch gar nicht geboren.

Ob das Spinnrad, das an einem Stand auf dem Kirchplatz stand, einen Käufer fand? Wer beherrschte das Spinnen denn noch – das mit der Wolle, nicht durch seine Reden. Oder wie die schöne Müllertochter aus dem Märchen, die mit magischer Hilfe, die sie beinahe bitter zu bereuen gehabt hätte, Stroh zu Gold spann. Wer das heute könnte, behielte diese Fähigkeit lieber für sich, auch wenn die Habgierigen dieser Welt nicht mehr Könige sondern eher Banker heißen.

Was doch so ein Flohmarkt für Gedanken auslösen kann. Trödelmärkte sind ein Universum, die mit ihrem Namen eine Verlangsamung der Zeit suggerieren. Natürlich ist das Selbstbetrug.

Von Barbara Kaiser

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