Nach Unfall in Grünhagen 2019

Todesfahrt mit offenen Fragen: Celler wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

B 4 in Grünhagen
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Auf der B 4 in Grünhagen kam es am 15. September 2019 zu einer Kollision, die für ein Ehepaar tödlich endete. Der Unfallverursacher muss sich nun vor dem Uelzener Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten.
  • Florian Beye
    vonFlorian Beye
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Uelzen/Grünhagen – Ein Mann aus Celle fährt am 15. September 2019 mit seinem Auto auf der B 4 in Richtung Uelzen.

In Grünhagen – genauer: auf Höhe des Forellenhofs – gerät das Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn und kollidiert frontal und ungebremst bei etwa 70 Stundenkilometern mit einem Oldtimer. Dessen Insassen, ein Ehepaar aus dem Kreis Lüneburg, sterben noch am Unfallort an multiplen inneren und äußeren Verletzungen.

Nun, knapp eineinhalb Jahre nach dem Unfall, sitzt der heute 62-jährige Celler neben seinem Anwalt Moritz Klay in Saal Eins des Uelzener Amtsgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Unfallverursacher fahrlässige Tötung vor. Als Nebenkläger treten die beiden erwachsenen Söhne des verstorbenen Ehepaares auf. Im Publikum sitzen weitere Familienmitglieder.

Angeklagter äußert sich nicht persönlich

In einer von seinem Verteidiger vorgetragenen Stellungnahme räumt der Angeklagte den Sachverhalt ein. „Mein Mandant bereut und bedauert zutiefst das Geschehene“, erklärt Klay. Es sei das „Schlimmste, was hätte passieren können“, und sein Mandant denke jeden Tag daran. Dieser kenne die Strecke durch viele Besuche bei seiner in Lüneburg lebenden Tochter gut, führt Klay aus.

Daran, dass sich der Angeklagte durch Verursachen des Unfalls der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat, besteht offenbar kein Zweifel. Dennoch bleibt letztlich die Frage offen, wie genau es zu dem Unfall kommen konnte. War es ein Schulterblick, um nach einem Blitzer zu schauen, wie es die Staatsanwältin ausführte? Oder war es der kurze Blick auf den eigenen Tacho, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren? So hatte es der Angeklagte unmittelbar nach dem Unfall gegenüber einer Polizistin geäußert, die den Unfall aufnahm. Oder war der Angeklagte abgelenkt, weil er während der Fahrt ein Tablet nutzte? Ein Zeuge hatte der Polizistin berichtet, gesehen zu haben, wie der Angeklagte unmittelbar nach dem Unfall mit einem Tablet in der Hand ausstieg.

Die Polizistin sitzt am Dienstag als erste im Zeugenstand und schildert, wie sich die Situation am Unfallort nach ihrem Eintreffen darstellte. Das Ehepaar sei zu dem Zeitpunkt bereits verstorben gewesen. Der Angeklagte und seine Frau, die als Beifahrerin im Auto saß, seien in zwei Rettungswagen versorgt worden. „Er war relativ benommen und betroffen“, berichtet die Polizistin. Der Angeklagte habe einem Alkoholtest zugestimmt, der null Promille anzeigte.

Als weitere Zeuginnen sind zwei Frauen – eine 24-jährige und eine 56-jährige, beide aus Uelzen – geladen, die unabhängig voneinander angeben, im Auto direkt hinter dem Angeklagten gefahren zu sein. Sie schildern, dass der Angeklagte schon vor dem Unfall einmal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn gemacht habe. In Grünhagen sei das Fahrzeug erneut auf die Gegenfahrbahn geraten – ein erstes Auto wich auf den Grünstreifen aus, mit dem zweiten kam es zur Kollision. Die Frauen beschreiben die Schlenker auf die Gegenfahrbahn als eher fließend, nicht ruckartig.

„Wir haben keine Erklärung für das mindestens zweimalige Überfahren des Mittelstreifens“, begründet Mike Oelfke, Anwalt der Nebenkläger, warum der Sachverhalt für ihn noch nicht hinreichend geklärt ist. Er fordert, mindestens noch den Zeugen, der das Tablet erwähnte, anzuhören.

Er verstehe, dass die Hinterbliebenen Antworten suchen, erklärt Verteidiger Klay. Doch der Vorwurf des Pflichtverstoßes bleibe der gleiche, meint er. Auch die Staatsanwältin hinterfragt, ob das Hören weiterer Zeugen „so viele Indizien bringt, dass wir sagen können, was vor dem Unfall passiert ist“.

Richterin Koertge unterbricht die Verhandlung für ein Rechtsgespräch mit den Anwälten. Danach ist klar: Heute in einer Woche geht der Prozess in die zweite Runde, dann mit dem Zeugen, der das Tablet erwähnte.

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