Verwaltungsgericht erkennt Gutachten nicht an

Therapien sind kein Hindernis

Die Abschiebung tausender Roma aus Frankreich nach Rumänien wurde vor zwei Jahren heftig diskutiert. Auch in Deutschland fordern Vereine und Institutionen immer wieder eine Veränderung der gesetzlichen Richtlinien. Die Abschiebung einer suizidgefährdeten Roma aus Uelzen erhitzt auch in der Region die Gemüter. Archivfoto: dpa

Uelzen. Es ist nachts – drei Uhr – Treffpunkt bei der Uelzener Polizei: Eine 35-jährige Frau und ihre beiden schulpflichtigen Töchter werden von Vollzugsbeamten in Vans mit verdunkelten Scheiben abgeholt und zum Flughafen gebracht.

Der Traum von einer Schullaufbahn in Deutschland ist vorbei, der von einem Leben ohne Gewalt vermutlich ebenfalls: Neuanfang mit 100 Euro Übergangshilfe vom deutschen Staat.

Seit knapp zwei Jahren hat die Roma-Familie in Deutschland gelebt und auf Asyl gehofft, zunächst mit dem Familienvater. Die letzten vier Monate lang wohnten die Frau und die zwei Töchter im Uelzener Frauenhaus, nachdem sie immer wieder psychische und physische Gewalt von Seiten des Vaters erfahren haben, der mittlerweile wieder im Heimatland lebt. „Es ist das erste Mal, dass aus dem Frauenhaus heraus eine Abschiebung erfolgt“, erklärt die Leiterin Monne Kühn. „Deshalb bin ich auch entsetzt darüber, dass sich die Bedingungen offensichtlich verschärft haben.“ Sie fühle sich in ihrer Arbeit und Kompetenz missachtet. Denn immer wieder hätten sie und ihre Mitarbeiterin Britta Hönig versucht, bei der Ausländerbehörde ein Bleiberecht für die traumatisierte Frau zu erwirken. Vergeblich.

Eine Ärztin der Psychiatrischen Klinik und eine Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes bescheinigten der Patientin, dass sie suizidgefährdet und nicht transportfähig sei, Hintergrund seien posttraumatische Belastungsstörungen. Die Ausländerbehörde versteht diese Gutachten dennoch nicht als Hindernis für eine Reisefähigkeit. Und auch das Verwaltungsgericht Lüneburg erkennt weder die ärztliche Stellungnahme noch eine Morddrohung des Ehemanns als Abschiebungshindernis an. Trotz der Gesetzeslage hätte es aber Spielraum gegeben, sagt dazu Monne Kühn aus dem Frauenhaus, das vom Landkreis jährlich mit 18 400 Euro gefördert wird.

Das Trio aus dem ehemaligen Jugoslawien hat eine lange Odyssee hinter sich, berichtet Hönig: Zunächst war die Familie zu viert aus ihrer Heimat geflohen. In Uelzen wurden Frau und Kinder laut Hönig von dem Ehemann bedroht und geschlagen, so dass die Polizei ihn in Gewahrsam nahm. „Die Frau wurde nicht informiert über die Möglichkeit ins Frauenhaus zu flüchten“, kritisieren die dortigen Mitarbeiterinnen.

Als schließlich der Ehemann Deutschland wieder verlassen hatte, blieben die drei in der ihnen von der Kommune zugewiesenen Sammelunterkunft für Asylbewerber. Dort sei die Roma von Fremden bedroht und geschlagen worden. Nicht um die Existenz des Frauenhauses wissend, floh sie zu Verwandten außerhalb des Landkreises – somit wurde gegen sie Strafanzeige gestellt, berichtet Hönig. Etwas anderes habe sie sich nie zu schulden kommen lassen.

Jetzt leben die drei wieder in ihrer Heimat, in der Hoffnung, dass ihre Peiniger aus der Vergangenheit noch nicht von der Rückkehr gehört haben, so die Beraterin aus dem Uelzener Frauenhaus. In eine Psychiatrie in ihrer Heimat habe sie sich nicht einweisen lassen – aus Sorge um ihre Kinder. Hönig versucht nun, telefonisch den Kontakt zu halten. Sie weiß: „Sie hat auch schon zwei Nächte mit den Kindern in einem Park geschlafen.“

Von Diane Baatani

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