Seniorenresidenz hält Angebote für Demenzkranke bereit / „Lauf gegen das Vergessen“ am Sonntag

Therapie mit Kanzlern, Vögeln und Pflanzen

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Aufeinander abgestimmt: Um einen Ball auf dem Schwungtuch zu balancieren, müssen die Bewegungen stimmen.

Uelzen. „Wir sehen uns dann heut Nachmittag bei ,Aktiv & Fit’ oder spätestens am Sonntag beim Lauf gegen das Vergessen“, verabschiedet sich Anne-Kathrein Agha von ihrer Gymnastikgruppe. Mit knapp 20 Senioren hat die Ergotherapeutin zuvor in einem Stuhlkreis gesessen.

Ein kleiner blauer Ball wurde sich dabei zugeworfen, in der alphabetischen Reihenfolge der Nachnamen. Frau Agha machte den Anfang jeder Runde, nannte den Namen der nächsten Empfängerin und warf der älteren Dame den Ball zu. Die denkt kurz nach, nennt den nächsten Namen und schickt die blaue Kugel auf ihre Reise.

Zwei neue Gesichter waren heute dabei, auch deshalb kommt der Wurffluss manchmal ins Stocken. Alle Gruppenmitglieder leiden unter Demenz. Bei dieser Krankheit lässt die Fähigkeit des Gehirns nach. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr richtig, aber auch das allgemeine Denkvermögen, die Sprache und Motorik können in späteren Stadien betroffen sein.

Agha arbeitet seit mehr als vier Jahren in der Seniorenresidenz Uelzen. Nach ihrer Gruppensitzung stattet die Therapeutin ihrer Kollegin einen Besuch ab. Die lässt mit Dementen gerade einen Ball über ein buntes Schwungtuch springen. „Bei diesen Menschen ist die Krankheit schon deutlich fortgeschritten“, erklärt Agha. „Manchen fällt dann zum Beispiel ihr eigener Name nicht mehr ein.“

Anschließend geht es für die 51-Jährige weiter zur Einzelbetreuung. Den Ball vom Schwungtuch hat sie bei sich. Diesmal wirft sie ihn einer bettlägerigen Bewohnerin aus verschiedenen Winkeln zu und bekommt die Kugel von ihr zurückgestoßen. Fast beiläufig findet dabei auch das Gedächtnistraining statt: „Welche Vögel können Sie denn von ihrem Fenster aus beobachten?“, fragt Agha. Zögern. „Was fallen Ihnen denn für Vogelarten ein?“, hilft sie dem Denkprozess auf die Sprünge. „Dohle“, erwidert ihr Gegenüber nach einem Moment und grübelt weiter. „Kennen Sie das Lied: Alle Vögel sind schon da...“, stimmt die Therapeutin an. Das war der entscheidende Tipp. Zusammen singen die beiden die Zeilen, in denen Amsel, Drossel, Fink und Star aufgezählt werden.

„Gerade in der Einzelbetreuung arbeiten wir auch viel mit biographischem Wissen“, erklärt Agha das Konzept des Gedächtnistrainings. „Das heißt, wenn jemand früher viel Gartenarbeit gemacht hat, bauen wir das mit ein. Wir bepflanzen ein Beet oder fragen nach Frühlingsblumen. Bei jemandem, der früher politisch aktiv war, fragen wir eher ehemalige Bundespräsidenten oder Kanzler ab. Mit passenden Bildkarten können wir das Gedächtnis auch zusätzlich unterstützen.“

In den Gruppen geht es um allgemeine Erinnerungen: „Zum Beispiel Landeshauptstädte, die man in der Schule gepaukt hat, oder Schlagertexte, die einen im Laufe des Lebens begleitet haben.“ Das gemeinsame Singen sei eine beliebte Form der gemeinschaftlichen Therapie, auch der Einsatz von Rythmusinstrumenten gehört dazu. „Wir versuchen alle Sinne anzusprechen“, erläutert Agha. Für den Tastsinn gäbe es beispielsweise Bastelgruppen, für den Geschmackssinn wird gemeinsam Obst und Gemüse vorbereitet, aus dem dann Saft gepresst wird, den man anschließend zusammen trinkt. Beim Schneiden von Lebensmitteln könnten gerade die weiblichen Demenzkranken auf ihre Intuition zurückgreifen: „Die Handgriffe sind jahrelang eingespielt, sie müssen nicht – wie bei vielen anderen Handlungen – viel darüber nachdenken.“

Die Betreuungsangebote hätten gleich mehrere positive Effekte für die Bewohner: „Die Gemeinschaft ist äußerst wichtig. Dass man Teil eines Teams ist, das zusammen eine Aufgabe erfolgreich bewältigt, motiviert ungemein. Und es hilft dabei zu verhindern, dass sich Betroffene vollständig zurückziehen“, sagt sie. Wie für jeden Menschen sei der Kontakt zu anderen von größter Bedeutung für die Lebensqualität. Ebenfalls wichtig sind Erfolgserlebnisse: „Trotz ihrer Krankheit stellt man bei den Dementen fest, dass sich bei Wiederholungen das Wissen im Gedächtnis verfestigt.“

Der Krankheit Demenz wird am kommenden Sonntag eine besondere Aktion gewidmet: Der „Lauf gegen das Vergessen“. Eine Veranstaltung, auf die sich die Ergotherapeutin bereits freut: „Wir haben schon besprochen, wer bei dem Lauf gegen das Vergessen auch gerne eine Runde im Rollstuhl geschoben werden möchte.“

Von Karsten Tenbrink

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