Leben spielt sich auf der Straße ab

Tagestreff Uelzen kümmert sich um Menschen ohne Obdach – Walter ist einer von ihnen

Das Leben von Walter passt in den blau-schwarzen Rucksack. In den Sommermonaten hat er ihn geschultert und zieht durch Deutschland.
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Das Leben von Walter passt in den blau-schwarzen Rucksack. In den Sommermonaten hat er ihn geschultert und zieht durch Deutschland.

Uelzen – Im Topf ist noch Suppe. Walter* freut´s. Sein Teller wird noch einmal gefüllt. Er bekommt richtig was in den Magen.

Wer wie Walter auf der Straße lebt oder sich in prekären Wohnsituationen befindet, kann für kleines Geld im Uelzener Tagestreff für Obdachlose zu Mittag essen. Um 12 Uhr wird aufgetischt. Walter ist in der Einrichtung bereits ein bekanntes Gesicht. „Ich habe hier schon so manchen netten Chaoten kennengelernt“, sagt er.

Der Tagestreff erlebt seit dem vergangenen Jahr einen verstärkten Zulauf. Die ältesten Besucher haben das achtzigste Lebensjahr bereits hinter sich. Gabriele Weiss kümmert sich mit dem Kollegen Raphael Schweimer-Schmidt, Praktikanten und Ehrenamtlichen um die Menschen, die den Weg zur Einrichtung finden. Es besteht dort auch die Möglichkeit, sich zu duschen oder seine Wäsche zu waschen. Oder man sitzt zusammen, spielt Karten.

Leben auf der Straße

Walter kommt jetzt wieder täglich in den Tagestreff. In den Sommermonaten toure er durch Deutschland, die Wintermonate verbringe er in Uelzen, berichtet er. Geschlafen wird stets auf der Straße. Im Sommer mag das erträglich sein. Aber im Winter? „In zwei Schlafsäcken merkst du nichts“, sagt er.

Aber es ist ja nicht nur die Temperatur. In schlechter Erinnerung ist ihm eine Nacht, die er in Hamburg verbracht hat. Ein Sturm zog auf. „Ich habe mich auch schon mit Rehen und Wildschweinen angelegt“, sagt er. Plastisch schildert Walter, wie er sich auch schon sexuellen Übergriffen erwehren musste. Dann ist da noch die Angst vor dem Diebstahl. Sein Leben hat er in einen blau-schwarzen Rucksack gepackt, den er mit sich führt. Ein kleines Heiligtum ist ein Handy, das er nutzt, um abends Musik zu hören und mit dem er seinen Alltag in Bildern festhält.

Vier Jahre lebt er nach eigenen Angaben auf der Straße. Über die Gründe, wie er obdachlos wurde, sagt er nicht viel. Da ist von einer Kindheit im Wohnheim die Rede, von einer Freundin, die er in jungen Jahren durch einen Autounfall verloren hat.

Rat für den Alltag

Walter ist heute 58 Jahre alt, wirkt aber jünger. Wie das kommt? Walter lacht, sagt: „Konservendosen, Konservendosen, Konservendosen.“ Der Mittagstisch im Tagestreff ist angesichts dieses Essensplans eine willkommene Abwechslung.

Für die Suppe sind an diesem Tag acht Bedürftige gekommen. Von ihnen lebt nicht jeder auf der Straße, aber auch nicht in geordneten Verhältnissen. Wer Rat für den Alltag oder zu seinem Leben benötige, bekomme diesen natürlich auch, sagt Gabriele Weiss. „Wir schwingen hier aber nicht den moralischen Zeigefinger.“ Das würde wohl auch nur dazu führen, dass die Betroffenen die Einrichtung künftig meiden. Aber die Einrichtung muss verlassen, wer zu stark betrunken sei. „Es muss für alle noch erträglich sein“, sagt Weiss. Walter hat, wie er sagt, unter den Obdachlosen schon viele getroffen, die regelmäßig Alkohol tranken. „Wenn man weiß, was da abgeht, verzichtet man drauf.“ So trinke er selbst nicht. Eine Flasche Bier zu Ostern habe er sich gegönnt. „Das war´s.“

Nach den Jahren ohne Obdach ist für ihn ein Leben wieder in einer Wohnung schwer vorstellbar, wie er schildert. Walter berichtet von Tagen, die er bei „Kumpels“ zugebracht habe. „Da werden die Räume immer kleiner“, sagt er. So schultert er am Nachmittag, als der Tagestreff seine Türen für diesen Tag schließt, seinen Rucksack. Für eine weitere Nacht im Freien.

*Name geändert

VON NORMAN REUTER

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