Als Wohnhaus errichtet, später ein Kinderheim: Früherer Bewohner erinnert sich

Die Tage der Villa sind gezählt

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Die Tage des „Hauses Achtum“ sind gezählt: Ein Abrissunternehmen trägt das Gebäude, das einst als Wohnhaus errichtet wurde, ab.

Uelzen – Der erste Blick lässt vermuten, hier werden brachial Wände eingerissen. Schweres Gerät ist im Einsatz. Trümmerteile türmen sich zu großen Schutthaufen. Doch der Eindruck trügt.

Vorsichtig führt der Baggerfahrer die Abbruchzange am Ende des gut 25 Meter langen Auslegers an die Reste eines Geschosses heran. Mit der Zange werden einzelne Balken und Steine herausgezupft – Stück für Stück verschwindet so in diesen Tagen unweit des Hammersteinkreisels das Haus, das den Uelzenern als „Wendlandtsche Villa“ oder „Haus Achtum“ bekannt ist.

Erbaut wird das Gebäude wohl an der Wende zum 20. Jahrhundert als Wohnhaus. Die Firma Wendlandt, gegründet 1766, zählt seinerzeit zu den großen Landhandelsbetrieben in der Stadt. Otto Wendlandt lässt das Gebäude an der Esterholzer Straße 16 errichten.

Später wird es als Kinderheim genutzt. Von 1977 bis 1982 lebt Tobias Oberwandling mit einem Bruder und zwei Schwestern im Kinderheim, weil sie ihre Eltern verloren haben. Oberwandling erinnert sich im Gespräch mit der AZ an diese Zeit, in der das Heim bereits den Namen „Haus Achtum“ getragen habe. „Spätestens um 9 Uhr abends war Zapfenstreich“, erzählt Oberwandling. Und: Bis zu vier Kinder lagen auf einem Zimmer. Die Tage seien klar strukturiert und die Mahlzeiten eher überschaubar gewesen.

Vor Augen hat er noch die steingrauen Lederhosen, die bis übers Knie gingen und die von den Kindern des Heimes getragen wurden. Es war die Alltagskleidung, die nach dem Schulunterricht angezogen werden musste, wie der frühere Bewohner schildert. „Die Hosen waren unverwüstlich. Und die Kinder aus dem Heim waren in der Stadt an ihnen zu erkennen“, so Oberwandling, der heute in Hildesheim lebt. Die Heimleiterin habe die Hosen seines Wissens über das einstige Modehaus Wilgrü besorgt.

Ab Mitte der 1980er Jahre ist das Haus Wohn- und Betreuungsstätte für Menschen mit geistigen Einschränkungen. Die gemeinnützige GmbH „Diakonische Wohnheime Himmelsthür“ ist fortan zuständig, lässt das Gebäude mehrfach umbauen und modernisieren. Zuletzt stellt sich die Frage, wie sich noch der Brandschutz sicherstellen lässt und in der Zwischenzeit haben sich auch Betreuungskonzepte verändert. Zeit für die gGmbH, neue Wege zu gehen.

In einem ersten Schritt ist auf dem Gelände bereits ein neues Gebäude mit Einzelappartements im Erdgeschoss und Wohngemeinschaften im ersten Stock entstanden. Seit Februar leben dort die früheren Bewohner der Villa.

Auch nach Abschluss der Abrissarbeiten – 4000 Kubikmeter umbauter Raum sind bald Geschichte – bleibt das Gelände eine Baustelle. Dort entstehen weitere Wohnplätze für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Zwei Bungalows mit jeweils sechs Wohnplätzen werden hochgezogen.

Die „Diakonischen Wohnheime Himmelsthür“ in- vestieren in das gesamte Projekt rund drei Millionen Euro.

VON NORMAN REUTER

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