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„Ich hatte einfach nur Glück“

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Tobias* hatte per Zufall die Videokamera entdeckt, mit der Wolfgang Stulpe vor rund zehn Jahren in einem präparierten Raum mehrere minderjährige Jungen unter anderem bei der Selbstbefriedigung gefilmt haben soll. Heute spricht er über seine Erlebnisse.

Uelzen. Seine Hände zittern, als er Tabak in die Hülsenmaschine drückt. Seine Augen sind glasig. Er wirkt etwas nervös, steckt sich die Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug und blinzelt, als Rauch in seine Augen steigt.

Erst seit wenigen Tagen lebt Tobias* wieder in Uelzen, seiner Heimatstadt. Zwischenzeitlich wohnte und arbeitete er in einem anderen Bundesland. Der gebürtige Uelzener war Schüler von Wolfgang Stulpe, kannte den Pädagogen und Kunstliebhaber, der sich das Leben nahm, als gegen ihn unter anderem wegen Kindesmissbrauchs ermittelt worden war. Tobias war damals 12 Jahre alt.

„Wolfgang Stulpe hat Schande über Uelzen gebracht“, sagt Tobias und schluckt. Der heute 23-Jährige war es, dem das rote Lämpchen der Videokamera eines Tages aufgefallen war, mit der Stulpe Aufnahmen von Jungen gemacht haben soll, die sich beim Betrachten von Pornofilmen selbst befriedigten. Tobias vertraut sich Freunden an, redet über seine zufällige Entdeckung „hinter einem Regal mit Gerümpel“. Der entscheidende Tipp landet bei der Polizei.

Der langjährige Lehrer war zu der Zeit Ausstellungsleiter für den Uelzener Kunstverein und hatte in dessen Namen Schüler angeworben, die unter anderem bei Aufsichten im Schloss Holdenstedt oder bei Ausstellungen im Herzog-Ernst-Gymnasium helfen sollten. Dafür bekamen die Kinder, „meistens waren es Jungen“, betont Tobias, „eine Aufwandsentschädigung vom Kunstverein. Das war viel Geld für uns“, erinnert sich der junge Mann. „Meine Schwester, die auch dabei war, verdiente 300 Euro im Monat.“ Auch privat sei Stulpe scheinbar nicht knauserig gewesen: „Fürs Rasenmähen bei ihm zuhause bekam ich 25 Euro“, sagt Tobias.

Auch heute erhalten Schüler, die beim Kunstverein aushelfen, etwa beim Aufhängen von Bildern oder bei der Aufsicht von Ausstellungen, eine finanzielle Aufwandsentschädigung. „Diese Aufsichten sind von Versischerungen vorgeschrieben“, erklärt Udo Hachmann, Vorsitzender des Uelzener Kunstvereins, auf AZ-Nachfrage. Dass Stulpe auch aus eigener Tasche Jungen bezahlt hätte, dazu könne Hachmann nichts sagen. Das Mindestalter von Schülern, die derzeit Arbeiten für den Kunstverein gegen eine Aufwandsentschädigung übernehmen, liegt laut Hachmann bei mindestens 16 Jahren. Im Jahr 2002 waren Aushilfen oft jünger und männlich, erinnert sich Tobias. „Ich war ja selbst erst 12 Jahre alt.“ Damals wurden die Kinder häufig mit dem Auto von Stulpe abgeholt. Wie viele Jungen sie jeweils waren? Tobias weiß es ich nicht mehr genau. „Wir mussten aber immer zweimal fahren.“

Wer nach Abschluss der offiziellen Arbeiten für den Kunstverein in den von Stulpe präparierten Raum kam, überließ der Pädagoge nur vermeintlich dem Geschick der Kinder: Denn nur wer es geschafft hatte, ihn in einer Partie Schach oder Mühle zu besiegen, durfte sich einen Film allein anschauen, schloss stets hinter sich ab und kam nach fünf bis zehn Minuten wieder heraus. Angeblich, so hatte es Stulpe den Jungs stets angekündigt, gebe es einen Western zu sehen. Tatsächlich wurde den Kindern aber ein Pornofilm gezeigt.

Vier Monate lang half Tobias beim Kunstverein. Oft sah er Kinder in dem Raum verschwinden. Der Anwesenheit seiner Schwester habe er es zu verdanken, dass nicht auch Aufnahmen von ihm entstanden seien. „Herr Stulpe hat mich nie bei Mühle gewinnen lassen. Lief ein Film, durfte ich den Raum nicht betreten.“ Anders war das bei Freunden. Über das, was in dem dunklen Zimmer, ausgestattet mit einem Sofa, passierte, sei jedoch nie gesprochen worden. Zwei Wochen nachdem Tobias ihn das letzte Mal sah, ist Wolfgang Stulpe tot. „Wir waren geschockt, aber irgendwie hat sich dann auch alles zusammengefügt.“ Vergessen konnte er die Erfahrung nicht.

Heute gehört Tobias zum Sicherheitspersonal bei diversen Großveranstaltungen. „Ich schlichte gerne Streit“, sagt er. Dass es offenbar immer noch Menschen gibt, die die dunkle Vergangenheit Wolfgang Stulpes scheinbar ausblenden möchten, will Tobias nicht in den Kopf: „Ich hatte einfach nur Glück, dass ich nicht in diesem Raum landete.“

*Name von der Redaktion geändert.

Von Michael Koch

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